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: Mit Blick auf Wähler und Wahlen

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Im April 1963 stand die Personalentscheidung für den ersten Wechsel im Bonner Kanzleramt an: die Kür von Konrad Adenauers Nachfolger, den der Amtsinhaber so vehement zu verhindern versucht hatte. "Er habe nichts persönlich gegen Minister Erhard, seine Bedenken seien vielmehr ausschließlich politischer Natur" ...

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          Im April 1963 stand die Personalentscheidung für den ersten Wechsel im Bonner Kanzleramt an: die Kür von Konrad Adenauers Nachfolger, den der Amtsinhaber so vehement zu verhindern versucht hatte. "Er habe nichts persönlich gegen Minister Erhard, seine Bedenken seien vielmehr ausschließlich politischer Natur" - in dieser Äußerung Adenauers zu Beginn der Kabinettssitzung am Tag nach der entscheidenden Fraktionsbesprechung scheint die Tiefe der Auseinandersetzung auch durch die Dämpfung des Kabinettsprotokolls hindurch. Er sei aber - auch dies kein Vertrauensbeweis - "Demokrat genug, die Entscheidung der Mehrheit zu akzeptieren". Dennoch dankte Erhard dem nunmehr endgültig auf Abruf regierenden Kanzler "für die versöhnlichen Worte" und erklärte, "dass er bis zum Tage des Rücktritts des Bundeskanzlers nichts anderes sei und nichts anderes sein wolle als bisher, d. h. Wirtschaftsminister".

          In dieser Eigenschaft wurde Erhard immer mehr zum einsamen Mahner zugunsten der marktwirtschaftlichen Komponente innerhalb der labilen Balance namens "Soziale Marktwirtschaft". Immer wieder artikulierte er seine Skepsis gegenüber sozialpolitischer Maßnahmen, die in zunehmender Zahl beschlossen wurden: gegenüber dem Umfang der Rentenerhöhung, dem "Sozialpaket", der Fünf-Tage-Woche und der Arbeitszeitverkürzung, "weil ohnehin in der Bundesrepublik im Vergleich mit anderen europäischen Ländern zu wenig gearbeitet werde. Man solle vielmehr Anreize schaffen, die zu einer Ausdehnung der Arbeitszeit über 45 Stunden führen könnten." Wie isoliert Erhard mit seiner Haltung war, zeigte sich in der Kabinettssitzung vom 7. März, als die "Situation auf dem Energiemarkt" diskutiert wurde. Vor dem Hintergrund der "Kohlenkrise" seit 1957/58 und der zunehmenden Bedeutung des Erdöls als Energieträger stellte Adenauer die Grundsatzfrage, "ob eine Förderung von 140 Mio. to. Steinkohle gesichert werden solle oder ob sich die Bundesrepublik vom Öl überschwemmen lassen wolle". Auch Erhard sah im "Verhältnis von Kohle und Öl ein gesamtwirtschaftliches Problem erster Ordnung", und auch er hielt Subventionen für erforderlich - gebunden aber an Wettbewerb und Effizienz. Schutzmaßnahmen und weitere Subventionen für den Kohlenbergbau lehnte er ab.

          Damit stand Erhard indessen ziemlich allein - und nicht zuletzt gegen Adenauer, der eine ganz korporatistische Direktion verfolgte. Nachdrücklich unterstützte der Noch-Kanzler "den Wunsch des Unternehmensverbandes und der I.G. Bergbau, die Genehmigungspflicht für den Bau von Raffinerien" einzuführen - nicht zuletzt mit Blick auf die Wahlen. Zechenstilllegungen, wie sie aus Erhards Energiepolitik resultieren würden, "müssten im Wahljahr erhebliche Unruhen erzeugen. Falls das Öl sich weiter so ausdehnen würde wie bisher und bis 1965 30-35 Zechen geschlossen werden müssten, würden die Wahlen in Nordrhein-Westfalen verlorengehen und die Wirtschaftspolitik des Wirtschaftsministers" - diesen Hieb konnte Adenauer sich nicht verkneifen - würde "ihr Ende finden".

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