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: Mit äußerstem Einsatz

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Die vom Januar 1930 bis Juni 1933 erscheinenden "Neue Blätter für den Sozialismus" gehörten - so Hans Mommsen - "zum Sprühendsten und Anregendsten von dem, was die republikanisch-sozialistische Intelligenz der späten Weimarer Jahre hervorgebracht hat". Die sozialdemokratische Monatszeitschrift war ...

          Die vom Januar 1930 bis Juni 1933 erscheinenden "Neue Blätter für den Sozialismus" gehörten - so Hans Mommsen - "zum Sprühendsten und Anregendsten von dem, was die republikanisch-sozialistische Intelligenz der späten Weimarer Jahre hervorgebracht hat". Die sozialdemokratische Monatszeitschrift war das Sprachrohr eines Kreises junger Sozialdemokraten und ihrer etwas älteren geistigen Mentoren, unter ihnen so bedeutende Persönlichkeiten wie der Theologe Paul Tillich, Protagonist des religiösen Sozialismus, der Nationalökonom Eduard Heimann, der Staatsrechtler Hermann Heller, der Jurist und zweimalige Reichsjustizminister Gustav Radbruch und der Reichsinnenminister des Jahres 1923, Wilhelm Sollmann.

          Der die "Neuen Blätter" tragende Kreis war stark von der Jugendbewegung geprägt und strebte eine umfassende geistige und politische Erneuerung der SPD unter reformistischen Vorzeichen an. Er stand in klarer Frontstellung gegen orthodoxen Marxismus und Klassenkampfrhetorik, er propagierte einen "ethischen" Sozialismus anstelle eines materialistischen Sozialismusverständnisses, und er bekannte sich emphatisch zur "Nation". Doch der Kreis - sein aktiver Kern umfasste kaum mehr als einige Dutzend Mitglieder, die Leserschaft der "Neuen Blätter" belief sich auf mehrere tausend - war nicht eine Ideologenvereinigung, die sich auf Gedankenaustausch und Ausarbeitung von Konzeptionen beschränkte. Vielmehr ging es den Angehörigen der Gruppe darum, durch konkrete politische Arbeit die Entwicklung der Sozialdemokratie, ihre Strategie und Taktik zu beeinflussen. Tatsächlich gewannen sie eine ganze Reihe von Positionen in der Parteipresse und der Parteiorganisation, in den Gewerkschaften, in Bildungsinstitutionen und im "Reichsbanner". Dies ermöglichte es ihnen, mit großer Militanz den Kampf gegen den Nationalsozialismus zu führen. Dabei standen in vorderster Front Carlo Mierendorff und Theodor Haubach. Mierendorff, Reichstagsabgeordneter und Pressechef des hessischen Innenministers, entwickelte eine effektive Form des Symbolkampfes gegen die NS-Bewegung ("Drei Pfeile"), Haubach, Pressereferent im Reichsinnenministerium und dann des Berliner Polizeipräsidenten, agierte als maßgeblicher Stratege des "Reichsbanners".

          Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurden die "Neuen Blätter" verboten und der sie tragende Kreis zerschlagen. Emigration, Repression und Illegalität waren das Schicksal der Angehörigen der Gruppe; aus ihren Reihen formierten sich einige der bedeutendsten sozialdemokratischen Widerstandsorganisationen der Jahre 1933/ 1934. Das nationalsozialistische Regime schlug mit brutaler Härte zu: Mierendorff war von 1933 bis 1938 in KZ-Haft, Haubach von 1934 bis 1936. Das hielt sie nicht davon ab, auf den Sturz des Regimes hinzuwirken. Im "Kreisauer Kreis" arbeiteten Mierendorff und Haubach sowie der brillante Pädagoge Adolf Reichwein engagiert mit. Während Mierendorff bei einem Luftangriff auf Leipzig am 4. Dezember 1943 ums Leben kam, wurden Haubach und Reichwein im Zusammenhang mit dem 20. Juli 1944 verhaftet, vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und hingerichtet. Es ist schwer zu ermessen, was es für die Nachkriegs-SPD bedeutete, dass ihr die hingemordeten und die nicht aus der Emigration zurückgekehrten reformerischen Sozialdemokraten aus dem Umkreis der "Neuen Blätter" fehlten.

          Als eine der interessantesten politischen Zeitschriften in den letzten Jahren der Weimarer Republik sind die "Neuen Blätter für den Sozialismus" und der sie tragende Kreis junger reformistischer Sozialdemokraten schon mehrfach behandelt worden. Stefan Vogt macht sie jetzt zum Gegenstand einer breitangelegten ideologiegeschichtlichen Untersuchung und etikettiert die Gruppe als "Junge Rechte" - eine problematische Titulierung, denn der Begriff entstammt nicht dem Diskurs der Gruppe. Zudem verstanden sich deren Angehörige nicht als "Rechte", sondern als aktive Sozialdemokraten.

          Der Begriff "Junge Rechte" ist für Vogt aber mehr als eine semantische Spielerei. Seine zentrale These lautet nämlich, dass der Kreis um die "Neuen Blätter" - mochte er sich auch als eine genuin sozialdemokratische Gruppierung verstehen - ideologisch eine große Nähe zu "rechten" Positionen aufwies, insbesondere zu denen der "Konservativen Revolution", also "ideologiegeschichtlich" eine Zwischenstellung zwischen Konservativer Revolution und Sozialdemokratie einnahm, indem er sich den nationalistischen, autoritären und antirationalistischen Strömungen der Zeit öffnete. Andererseits kann Vogt nicht bestreiten, dass die sogenannten "Jungen Rechten" als militante Sozialdemokraten den Vormarsch der NS-Bewegung vehement bekämpften.

          In seiner ideologiegeschichtlichen Betrachtungsweise sieht Vogt Widersprüche zwischen den ideologischen Positionen und der praktischen Politik der "Jungen Rechten" ("Ambivalenz" ist einer seiner Lieblingsbegriffe). Handelt es sich aber bei der aus schriftlichen Aussagen eruierten Ideologie nicht um ein Konstrukt, das oft divergente Auslassungen zu sehr in ein theoretisches Prokrustesbett zwängt? Und wird man mit einer auf Ideologiegeschichte fixierten Betrachtungsweise dem Kreis um die "Neuen Blätter" wirklich gerecht? Gewiss ist die Zeitgebundenheit von vielem, was die jungen (und älteren) reformerischen Sozialdemokraten formulierten, unverkennbar. Doch man tut gut daran, bei der historischen Bewertung der Gesinnungsgemeinschaft um die "Neuen Blätter" stärker als die ideologischen Äußerungen die Leistungen in der praktischen politischen Arbeit zu gewichten - und hier ist entscheidend, dass die Angehörigen des Kreises den Kampf gegen den Nationalsozialismus mit äußerstem Einsatz geführt haben.

          EBERHARD KOLB

          Stefan Vogt: Nationaler Sozialismus und Soziale Demokratie. Die sozialdemokratische Junge Rechte 1918 bis 1945. Verlag J. H. W. Dietz Nachf., Bonn 2006, 502 S., 48,- [Euro]

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