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: Militärisch

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"Der den Frieden in seinen Himmelshöhen stiftet, stifte Frieden unter uns und ganz Israel." Mit dem Kaddisch-Gebet begann Staatspräsident Peres seine historische Rede am 27. Januar 2010 im Deutschen Bundestag. Das entsprach ganz dem Bild vom Friedenspolitiker, das man insbesondere in Deutschland vom 86 jährigen, dienstältesten Politiker Israels hat.

          "Der den Frieden in seinen Himmelshöhen stiftet, stifte Frieden unter uns und ganz Israel." Mit dem Kaddisch-Gebet begann Staatspräsident Peres seine historische Rede am 27. Januar 2010 im Deutschen Bundestag. Das entsprach ganz dem Bild vom Friedenspolitiker, das man insbesondere in Deutschland vom 86 jährigen, dienstältesten Politiker Israels hat. Tamar Amar-Dahl will nun dieses Bild zerstören. Das hat wohl auch etwas mit ihrer Vita zu tun: 1968 als Tochter eines aus Marokko eingewanderten Rabbiners in Israel geboren, dort sozialisiert, mit zwei Jahren Wehrdienst et cetera. Als sephardische - orientalische - Jüdin konnte sie mit dem Holocaust als israelisches Staatsverständnis wenig anfangen, ging 1996 in das Land der "Täter", erhielt einen deutschen Pass und gab 2006 ihren israelischen ab. Ihr missfällt die Politik Israels vom ersten Tag der Existenz dieses Staates. Mitverantwortlich und an vorderster Front Shimon Peres - mit dem die Autorin allerdings nicht gesprochen hat.

          Was war Peres nicht alles? 1923 im damaligen Ost-Polen geboren, seit 1935 in Palästina, "rechte Hand" von "Gründungsvater" Ben Gurion, 1953 bis 1959 Generaldirektor im Verteidigungsministerium, mehrmals Minister, dreimal Ministerpräsident, langjähriger Vorsitzender der Arbeiterpartei, von 1959 bis 2007 Mitglied des israelischen Parlaments, seither Staatspräsident. Das Buch von Frau Amar-Dahl ist eine Dissertation, die sich - eher ungewöhnlich - ausschließlich auf veröffentlichtes Material stützt. Es ist auch eine Geschichte des Nahost Konflikts, deren "harte Realität" Peres mitgestaltet hat durch - wie die Autorin betont - "Landeroberung, Landenteignung und Besiedlung". Peres habe den "maximalistisch-separatistischen Zionismus verinnerlicht". Wer von der "umfassenden Feindseligkeit der arabischen Welt Israel gegenüber" spreche (so Peres 1978), der habe ein Konfliktverständnis, das "Annäherungsversuche schlechterdings unmöglich macht". Wobei die Autorin nicht die Frage nach der konkret vorhandenen "Feindseligkeit" stellt. Als ob es die nicht gegeben habe beziehungsweise nicht gebe! Die Palästinenser wurden demnach von Peres lange Zeit als Feinde und als Sicherheitsproblem gesehen. In manchen Punkten hat Frau Amar-Dahl natürlich recht. Israels Politik ist kein Sonntagsspaziergang, die Gesellschaft ist vielfach militärisch, vielleicht sogar militaristisch orientiert. Aber war die politische Führung 1967 etwa wirklich "trostlos, unfähig und dazu auch unverantwortlich", wie die Autorin behauptet? Sie lässt jedenfalls an ihrem "Helden", dem Architekten des Oslo-Friedensprozesses 1993, kein gutes Haar. Für sie ist er kein Friedenspolitiker, sondern ein Nationalist. Im Falle Israel heißt das ein extremer Zionist, ein Mann von "Undurchsichtigkeit und Unnahbarkeit", mit der Tendenz, "sich jeder beliebigen Koalition anzuschließen", der nicht hinter der Zwei-Staaten-Lösung steht, der die Siedlungspolitik unterstützt und ganz Palästina als das Land des jüdischen Volkes sieht. Ein Urteil, das durch wirkliche Quellenarbeit wohl erst noch überprüft werden muss.

          ROLF STEININGER

          Tamar Amar-Dahl: Shimon Peres. Friedenspolitiker und Nationalist. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2010. 471 S., 39,90 [Euro].

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