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: Menschliche Katastrophen

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Dem in Sydney lehrenden belgischen Historiker ist es gelungen, eine der wichtigsten Schlachten des Zweiten Weltkrieges in neuem Licht erscheinen zu lassen. Mit Hilfe zahlreicher Erzählungen und lokaler Aufzeichnungen lenkt er den Blick auf die Zivilbevölkerung, die ins Kreuzfeuer der kämpfenden Truppen geriet.

          Dem in Sydney lehrenden belgischen Historiker ist es gelungen, eine der wichtigsten Schlachten des Zweiten Weltkrieges in neuem Licht erscheinen zu lassen. Mit Hilfe zahlreicher Erzählungen und lokaler Aufzeichnungen lenkt er den Blick auf die Zivilbevölkerung, die ins Kreuzfeuer der kämpfenden Truppen geriet. Wie der Krieg aus verschneiten Wäldern über die kleinen Dörfer und Städte hereinbrach, welche menschlichen Katastrophen er auslöste und welche Zerstörungen er anrichtete, wird aus dem Blickwinkel der hilflosen Bevölkerung deutlicher erkennbar als aus der Optik der Generale, deren Interesse für "Kollateralschäden" nun einmal zwangsläufig beschränkt ist. Für die Amerikaner war es die Schlacht gegen die "Beule" in ihrer Front, für die Deutschen schlicht Hitlers Ardennenoffensive.

          Selbst für die Soldaten waren die Zivilisten meist unbekannte Schattenexistenzen, womöglich untergetauchte Feinde und Saboteure, in der Hitze des Kampfes lästige Störenfriede. Mehr oder weniger unfreundlich wurden sie eingesperrt oder evakuiert, aus den Kellern in die Nacht gejagt, ausgeplündert und drangsaliert. Daneben stehen Episoden der Hilfe und Fürsorge, des gemeinsamen Leidens und Sterbens. Auch wenn die Perspektive der Zivilbevölkerung konsequent durchgehalten wird, so behandelt der Historiker die beteiligten Parteien doch fair und verständnisvoll. Seine originelle, einfühlsam geschriebene Darstellung ist mehr als das übliche Patchwork von beliebigen Zeitzeugenberichten oder Lokalgeschichten. Ausgangspunkt bildet jeweils eine kurze Schilderung der militärischen Operationen und taktischen Entscheidungen, geordnet nach den verschiedenen Kampfräumen und den Phasen der Schlacht folgend. Anschauliche Karten bieten dem Leser Orientierung.

          Gleich viermal durchpflügte der Krieg die Landschaft. Der deutsche Vormarsch durch Ostbelgien und Luxemburg vollzog sich im Mai 1940 schnell und reibungslos, der deutsche Rückmarsch im September 1944 nicht viel anders. Selbst die deutschsprachige Minderheit begrüßte die Amerikaner als Befreier. Nazisympathisanten waren abgetaucht. Viele Männer waren zwangsrekrutiert und dienten an der Ostfront, waren bereits gefallen oder hielten sich als Deserteure versteckt. Als die Wehrmacht am 16. Dezember überraschend aus dem Westwall hervorbrach, erlebten die Dorfbewohner hungrige und frierende Kindersoldaten, ältere "Volksgrenadiere", hartgesottene Elitesoldaten der Waffen-SS und fremdländische "Hilfswillige", die sich oft brutal und rücksichtslos aufführten. Gleichwohl sind Unterschiede erkennbar. Im Bereich der 6. SS-Panzerarmee kam es stärker zu Übergriffen und organisierten Plünderungen sowie Erschießungen von "Verrätern" und Widerstandskämpfern. Sogar zum Massenmord an Kriegsgefangenen ließen sich Einheiten hinreißen, die von ehrgeizigen Führern unter hohen Verlusten in Richtung Maas gejagt wurden.

          Im Bereich der 5. Panzerarmee hingegen verhielten sich reguläre Wehrmachteinheiten überwiegend korrekt. Gegen Übergriffe der SS suchte die Bevölkerung Hilfe bei den Soldaten, um dann hören zu müssen, daß diese sich selbst vor den "schwarzen" Kameraden fürchteten. Überall erschienen Einsatzkommandos der SS und Gestapo-Trupps, die politische Gegner aufspüren und jeglichen Widerstand brutal unterdrücken sollten. Luftangriffe, Artilleriefeuer und vor allem Häuserkämpfe gefährdeten das Leben der Zivilisten. Wenn Truppen Ortschaften von Scharfschützen und versprengten GIs "säuberten", gerieten Zivilisten in höchste Lebensgefahr, da die nervösen Landser angesichts unklarer Fronten schneller schossen als Fragen stellten. Alkohol ließ Soldaten ebenso wie der Streß des Kampfes unberechenbar und brutal werden - oder sentimental. In einem Gemäuer hatte sich ein älterer Soldat zur Verteidigung eingerichtet. Auf ihn stieß eine flüchtende Familie mit zwei Kindern. Da umarmte er plötzlich den erschreckten Vater und weinte bitterlich.

          Als die Wolken über den Ardennen aufklärten, entfesselten die alliierten Flieger ein Inferno im deutschen Hinterland, das keinen Unterschied zwischen Freund und Feind machte. Es brachte mehr Tod und Zerstörung als Wehrmacht und SS zusammengenommen. Insgesamt starben während der Ardennenoffensive rund 3000 Zivilisten, ein Drittel davon durch Luftangriffe. Auch das Trommelfeuer aus unzähligen Geschützen war schier unerträglich für Volksgrenadiere und Zivilisten, die gemeinsam in einem Keller Schutz suchten. Plötzlich stürzte ein schreiender Soldat herein, der draußen zwei Kameraden hatte sterben sehen. Er setzte die Pistole an die Stirn und erschoß sich inmitten der entsetzten Menge. In einem anderen Keller lag ein sterbender Panzergrenadier auf dem Tisch, zurückgelassen von seinen Kameraden, und er schrie eine Ewigkeit lang nach seiner Mutter. Frauen und Kinder wurden schließlich durch das Anschwellen des Bombardements abgelenkt.

          Sie erlebten die Rückkehr von Befreiern, die dreckig, genervt und wütend waren wegen des hartnäckigen deutschen Widerstandes. Trotz ihres guten Verhältnisses zu den Einheimischen kam es vor, daß Kampftruppen in Häuser einbrachen, Einrichtungen zerstörten und sich mancherorts wie die Vandalen aufführten. In dem fast völlig zerstörten Chenogne verübten die Amerikaner mit der Ermordung von 60 Kriegsgefangenen selbst ein schweres Kriegsverbrechen, wie der Autor meint. Belgische Zivilisten bemerkten entsetzt, wie britische Fallschirmjäger kaltlächelnd deutsche Gefangene erstachen, Häuser verwüsteten und plünderten. Erst allmählich wichen Angst und Entsetzen, kehrten mit den Flüchtlingen auch die zivilen Behörden zurück. Das Schlachtfeld mußte von der Hinterlassenschaft des Krieges gesäubert werden, der materiellen wie der mentalen. Mit einem Blick auf die Erinnerungskultur vollendet der Autor seine imponierende Darstellung.

          ROLF-DIETER MÜLLER

          Peter Schrijvers: The Unknown Dead. Civilians in the Battle of the Bulge. Verlag University Press of Kentucky, Lexington 2005. 430 S., 35,- $.

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