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: Mehr verstehen wollen

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Unser Bild von Iran hat sich in den vergangenen zehn Jahren geändert. An die Stelle des Horrorbildes der islamischen Republik, wo bärtige Dunkelmänner und wild entschlossene weibliche Wesen mit Tschador und Kalaschnikow für die islamische Weltrevolution marschieren, ist zumindest ansatzweise die ...

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          Unser Bild von Iran hat sich in den vergangenen zehn Jahren geändert. An die Stelle des Horrorbildes der islamischen Republik, wo bärtige Dunkelmänner und wild entschlossene weibliche Wesen mit Tschador und Kalaschnikow für die islamische Weltrevolution marschieren, ist zumindest ansatzweise die Vorstellung von einer demographisch sehr jungen Gesellschaft getreten, die in vieler Hinsicht moderner - und der unseren damit ähnlicher - ist, als es das religiöse Regime wahrhaben möchte. Während das Iran-Bild zumindest im ersten Jahrzehnt nach der Revolution von 1979 von Rückständigkeit und Fanatismus geprägt war, konzentrierten sich viele Berichte seit der zweiten Hälfte der neunziger Jahre auf das moderne Iran, auf Partys, Fitness-Studios, Internetcafés und Fußballfans.

          Zugleich ist Iran noch immer ein unbekanntes Land. Wie sonst hätte es geschehen können, daß in den vergangenen zehn Jahren zweimal ein vollkommen anderer zum Präsidenten gewählt wurde, als so gut wie alle Beobachter vorausgesagt hatten? Was wir über Iran wissen, stützt sich vor allem auf die Berichte ausländischer oder exiliranischer Journalisten, die das Land in Abständen besuchen. Umfassendere Darstellungen, Bücher von Ausländern, die über längere Zeit in Iran leben, gibt es kaum. Allein das macht das Iran-Buch von Christopher de Bellaigue, der als Korrespondent des britischen Economist seit mehr als fünf Jahren in Teheran lebt und mit einer Iranerin verheiratet ist, zu einer Besonderheit. Auch sonst ist es ein besonderes Buch, denn de Bellaigue widmet sich darin bewußt nicht jenem Teil der iranischen Gesellschaft, der für Ausländer leicht zugänglich ist und üblicherweise ihr Bild und ihre Darstellungen prägt: der westlich orientierten, fremdsprachenkundigen, wohlhabenden Gesellschaft Nordteherans. Er sucht nicht das Iran der Partys und Weblogger, sondern begibt sich in Milieus, die den meisten Ausländern nur schwer zugänglich sind und von vielen Iranern gemieden werden: die Kriegsveteranen in Isfahan, das islamische Priesterseminar in Ghom und die mafiose Halbwelt der Ringerclubs im Süden Teherans.

          De Bellaigue hat eine literarisch ambitionierte Großreportage geschrieben - auf der Suche nach dem, was die iranische Gesellschaft und Kultur prägt. Anhand einer überschaubaren Vielzahl von Charakteren, allen voran dem fast zum Romanhelden ausgebauten Herrn Zarif, erzählt er noch einmal die Geschichte von Revolution, Krieg und Reform. Oder, besser, er läßt sie erzählen, denn über weite Passagen kommen die Iraner selbst zu Wort: vom beteiligten kleinen Mann, dem Fußvolk der Revolution, bis zu den religiösen Intellektuellen.

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