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: Mehr als ein brillanter Trick

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Ein Rätsel Scharons können auch die Journalisten Gadi Blum und Nir Hefez nicht lösen: Wie wurde aus dem Siedlervater der Rechten plötzlich ein Gegner dieser Bewegung und ein Abzugspolitiker? Beide Autoren trafen Ariel (Arik) Scharon nie persönlich. Das wollten sie auch nicht; sie fürchteten wohl zu sehr, von ihm eingenommen zu werden.

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          Ein Rätsel Scharons können auch die Journalisten Gadi Blum und Nir Hefez nicht lösen: Wie wurde aus dem Siedlervater der Rechten plötzlich ein Gegner dieser Bewegung und ein Abzugspolitiker? Beide Autoren trafen Ariel (Arik) Scharon nie persönlich. Das wollten sie auch nicht; sie fürchteten wohl zu sehr, von ihm eingenommen zu werden. Tatsächlich hatte Scharon eine ruppige und zugleich warmherzige Art, die ihm sogar bei politischen Gegnern Sympathien einbrachte. Trotz der gewählten Distanz wird Scharon mit Verständnis beschrieben, soll sogar von dem Odium der "Dampfwalze" befreit werden. Dabei werden die Verfasser oft den Positionen seiner Gegner in der Armee und Politik oder bei den Arabern nicht gerecht.

          Blum und Hefez schreiben ein israelisches Buch für israelische Leser, die nicht die Außensicht auf das Land und seine Politik kennen. Sie leben im innerisraelischen Konsens, den sie nicht in Frage stellen. Sie versuchen vielmehr, den zum Beispiel im Libanon-Krieg 1982 oder in der "zweiten Intifada" selbst nach der israelischen Mehrheit jenseits des Konsens agierenden Scharon in diesen Rahmen "zurückzurechtfertigen". Damit werden sie der internationalen Bedeutung israelischer Politik nicht gerecht und können auch den Schaden oder Nutzen der Politik Scharons nur schlecht einschätzen. Israel ist nun einmal keine Insel. Die Autoren aber folgen dem allgemeinen israelischen Duktus, wonach die Außenpolitik vor allem von der Innenpolitik bestimmt wird. Blum und Hefez berufen sich in ihrem Buch auf Scharons Gefährten im militärischen und privaten Leben, zitieren schriftliche Quellen. Sie legen einen ausführlichen und auch in der Psyche des Politikers suchenden Bericht über das Leben des Ministerpräsidenten vor, der Anfang 2006 plötzlich, von einem Gehirnschlag getroffen, ins Koma fiel und seither lebendig tot ist.

          Ein Leben lang hatte sich Scharon in der Politik bemüht, seine eigenen politischen Vorstellungen, sein taktisches und raffiniertes praktisches Vorgehen sowie den Konsens der Nation in Einklang zu bringen. Das aber gelang ihm erst in den letzten Wochen seines aktiven Lebens: Weil der Likud, den er 1973 selbst mitgründen half, seinen Abzug aus dem Gazastreifen nicht mittrug, gründete er für die Neuwahlen 2006 die auf ihn selbst zugeschneiderte "Kadima"-Partei, mit der er mutmaßlich im Triumph als Vater der Nation gesiegt hätte.

          An einigen Stellen baut sich das Buch als Antwort auf das Schicksal Rabins auf. Die Politiker standen in befeindeten Lagern; sie schätzten sich aber als Mensch und Soldat. Scharon machte zwar die Schmähung Rabins nach den Oslo-Verträgen 1993 mit, aber er gehörte dennoch - anders als Rabins anderer und Scharons eigener Gegner Netanjahu - zu den gelittenen Trauergästen am Grabe Rabins. Rabin wurde 1995 auf der Höhe seiner Macht und Beliebtheit vor weiteren schicksalsschweren Schritten der israelischen Nation von einem Attentäter gefällt. Zehn Jahre später stand Israel nach dem Gaza-Abzug auch vor entscheidenden weiteren Schritten, die nun Scharon wegen seiner Krankheit nicht mehr gehen konnte. Während aber Biographien über Rabin den von innen getriebenen Wandel herausstellen, die ihn vom Politiker, der den "Palästinensern die Beine brechen wollte", zum Friedensnobelpreisträger machten, bleibt nach Blum und Hefez offen, ob es so einen Wandel auch bei Scharon gab. Oft stellen sie Scharon als den "größten politischen Taktiker Israels" dar, der zum Beispiel seinen Erzfeind Netanjahu mit taktischem Geschick immer wieder ausbremste. Sie beschreiben Scharon als "König der Meinungsmanipulation", der mit seinem Besuch auf dem Tempelberg im Herbst 2000, dem Anlass für die "zweite Intifada", die "politische Realität manipulativ" verändern wollte.

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