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: Mehr, als der Wind erzählt

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Geschichten über kühne Taten wagemutiger Seefahrer waren immer schon beliebt. Deren Kampf gegen die Naturgewalten, Berichte über die Entdeckung ferner Länder oder auch Gefechte mit Piraten befriedigten den Wissensdurst der Leser oder regten im tristen Heim oft einfach nur die Phantasie an. Anders ...

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          Geschichten über kühne Taten wagemutiger Seefahrer waren immer schon beliebt. Deren Kampf gegen die Naturgewalten, Berichte über die Entdeckung ferner Länder oder auch Gefechte mit Piraten befriedigten den Wissensdurst der Leser oder regten im tristen Heim oft einfach nur die Phantasie an. Anders sind die hohen Auflagen seit dem Erscheinen der Berichte von Christopher Columbus über seine Reisen in die "Neue Welt" nicht zu erklären. Dass manches dabei einfach auch Seemannsgarn war, spielt keine Rolle, denn so genau wollten viele es vielleicht auch gar nicht wissen. Die Beschreibung der Kaperfahrt des Hilfskreuzers SMS "Wolf" gehört zu diesen Büchern. Gleichwohl: Seemannsgarn wird keineswegs gesponnen. Die Autoren sind bemüht, die Fahrt der "Wolf" aus einer Vielzahl von Perspektiven sorgfältig zu rekonstruieren. Das ist ihnen gelungen.

          Doch zunächst: Was hat es mit dem Hilfskreuzer "Wolf" auf sich? Da die Kaiserliche Hochseeflotte aufgrund der englischen Überlegenheit in der Nordsee dazu verdammt war, in den Häfen zu liegen, versuchte die Marineführung, neben dem politisch umstrittenen U-Boot-Krieg seit 1916 auch die Verbindungslinien des "perfiden Albion" mit umgebauten Frachtern oder Seglern auf den Ozeanen zu unterbrechen - wie die Korsaren des 17. oder 18. Jahrhunderts. Zu diesen Schiffen gehörte der umgebaute und im Dezember 1916 aus Kiel ausgelaufene Hansa-Dampfer SMS "Wolf" unter dem Kommando von Kapitän Karl Nerger, der im "Boxer-Krieg" Asien-Erfahrung gesammelt hatte. Die Ereignisse während dieser 444-tägigen Fahrt, bei der die "Wolf" durch den Atlantik und den Indischen Ozean bis in die Südsee vorstieß, ohne je einen Hafen anzulaufen, sind Thema des Buches.

          Auch wenn militärische Details - angefangen von den strategischen Überlegungen der Marineführung und den Reaktionen der Admiralität bis hin zu den taktischen Details des Hilfskreuzereinsatzes - geschildert werden, sind die Autoren bemüht, das Verhalten ausgewählter Protagonisten oder den alle Seeleute zermürbenden Alltag an Bord zu beschreiben. Dabei zeichnen sie ein Bild von der Realität, das für Romantik am Ende keinen Raum mehr lässt.

          Das enge Zusammenleben führte immer wieder zu Spannungen zwischen Kapitän und Besatzung sowie zwischen Besatzung und den schließlich über vierhundert Gefangenen. Nerger führte sein Kommando routiniert, aber stets distanziert. Ohne zu zögern, griff er gegenüber Besatzung und Gefangenen gleichermaßen konsequent, jedoch ohne unnötige Härte durch. Angesichts der Strapazen des Wetters, bei dem sich Stürme, tropische Hitze und arktische Kälte abwechselten, der Eintönigkeit des Bordlebens, der Spannungen zwischen subalternen Offizieren und ihren Untergebenen, die fast in eine Meuterei mündeten, der stets latenten Gefahr, doch noch von überlegenen alliierten Einheiten entdeckt zu werden, sowie einer wachsenden Zahl von Krankheitsfällen wegen schlechter Ernährung erschien ihm dies notwendig. Nur so konnte er seinen Auftrag erfüllen, die Disziplin wahren und das Schiff mit seiner gesamten Besatzung heil nach Hause bringen.

          Die Gefangenen, zu denen bald auch Frauen gehörten, arrangierten sich mit dieser Situation: Obwohl die meisten von ihnen über Monate in den Laderäumen eingepfercht waren, erhielten sie doch immer wieder die Gelegenheit, sich an Deck aufzuhalten und irgendwie die Langeweile zu vertreiben; um ihre Gesundheit kümmerten sich der Bordarzt sowie gefangene Schiffsärzte gleichermaßen. Ausführlich widmen sich die Autoren auch dem beschämenden Verhalten jener Regierungen, in deren Gewässern SMS "Wolf" sein Unwesen trieb. In Unkenntnis darüber, dass die gesunkenen Schiffe nicht das Opfer deutscher Saboteure, sondern von Minen waren, entwickelten die Regierungen Südafrikas, Australiens und Neuseelands eine paranoid anmutende Furcht vor Spionen. Ausnahmegesetze schränkten bürgerliche Freiheiten ein, zahllose deutsche Einwanderer landeten ohne faires Verfahren in - so die Autoren - "Konzentrationslagern". Ist der Begriff hier angemessen?

          Zur grundsätzliche Bedeutung dieser Kaperfahrt meinen die Autoren: Selbst wenn man das militärische Ergebnis als "mager" bezeichnen könne, habe der Einsatz der Hilfskreuzer Kräfte gebunden, die an anderer Stelle fehlten. Anfänglich durchaus erfolgreich, knüpfte Hitlers Kriegsmarine 1939 an diese Tradition an.

          Nach dem Einlaufen in Kiel im Februar 1918 verbesserte sich die Lage der gefangenen Seeleute teilweise. Soweit sie aus neutralen Staaten kamen, traten sie die Heimreise an, die übrigen verbrachten den Rest des Krieges in Gefangenenlagern. Und der Kapitän? 1918 als Held gefeiert, quittierte Nerger nach der Revolution seinen Dienst, ging in die Privatwirtschaft, um sich nach 1933 vor den Propagandakarren der NS-Machthaber spannen zu lassen. Der Verdacht, als Sicherheitsbeauftragter der Firma Siemens auch für die Arbeitslager des Konzerns verantwortlich gewesen zu sein, reichte aus, um ihn nach 1945 in Sachsenhausen zu inhaftieren. Dort erschlug ihn 1947 ein Mithäftling, möglicherweise, weil Nerger bessere Schuhe besaß.

          Alles in allem handelt es sich um eine lesenswerte Darstellung, die zeigt, dass auch Laien wichtige Beiträge zu vernachlässigten Aspekten des Seekriegs während des Ersten Weltkrieges leisten können.

          MICHAEL EPKENHANS

          Richard Guilliat/Peter Hohnen: The Wolf. How one German Raider terrorized the Southern Seas during the First World War. Bantam Press, London, Toronto, Sydney, Auckland, Johannesburg 2009. 366 S., 10,59 £.

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