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: Marxismus Reloaded

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Jürgen Elsässer: Der deutsche Sonderweg. Historische Last und politische Herausforderung. Diederichs Verlag, Kreuzlingen 2003. 264 Seiten, 16,95 [Euro].Die Einbettung des Irak-Krieges und seine Folgen in die internationale Politik und in die Außenpolitik der beteiligten und nichtbeteiligten Länder ...

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          Jürgen Elsässer: Der deutsche Sonderweg. Historische Last und politische Herausforderung. Diederichs Verlag, Kreuzlingen 2003. 264 Seiten, 16,95 [Euro].

          Die Einbettung des Irak-Krieges und seine Folgen in die internationale Politik und in die Außenpolitik der beteiligten und nichtbeteiligten Länder gerät immer mehr zum Kristallisationspunkt einer heftigen und sehr kontroversen Auseinandersetzung über die künftigen Strukturen der globalen Machtverteilung. Regionale Kriege und lokale Interventionen hat es in den Jahren im letzten Jahrzehnt immer wieder gegeben. Aber erst diese Militäraktion, die zum Glück rasch und viel unblutiger verlaufen ist, als zu befürchten war, scheint überall das Bewußtsein dafür geweckt zu haben, daß es in der Tat bereits eine fest konturierte, gewaltgestützte Weltordnung gibt. Nicht zuletzt in Staaten wie Deutschland, deren Regierungen über die eigene Position in dieser Ordnung unsicher oder unzufrieden sind, ist diese Debatte schon mächtig in Fahrt gekommen.

          An den Vorgängen und ihren Ursachen und Auslöseaktionen arbeiten sich auch zahlreiche Vertreter marxistischer Politikkonzepte ab, wobei der ideologische Schweiß nur so fließt. Solche Nebenwege haben zuweilen den Charme des Kontrafaktischen. Dafür bietet Jürgen Elsässer ein gutes Beispiel, Journalist bei "Konkret" und der "Jungen Welt". Er hat sich als unerbittlicher Ankläger der deutschen Jugoslawienpolitik seit 1991 hervorgetan, für ihn die bewußte Fortsetzung der Eroberungspolitik von Kaiserreich und Nationalsozialismus. Zu seinen Lesern zählt vor allem die äußerst-linke "Nie wieder Deutschland"-Fraktion, die ihren politökonomisch überspitzten Scharfsinn gerne dazu verwendet, in die grellen Untergangsszenarien des gegenwärtigen Kapitalismus (gleich Neoliberalismus) die Auferstehungssequenz für einen paradiesischen Sozialismus einzuschmuggeln, der aber real existieren können soll. So etwas findet sich auch hier und heißt die "Hellenisierung" Eurasiens von Brest bis Wladiwostok. "In Petersburg" - das Sankt bringt der Autor nicht über die Tasten - "oder vielmehr Leningrad" könnte sich die Hauptstadt dieser Föderation befinden.

          Die Achse Paris-Berlin-Moskau sei ein Schritt in Richtung auf die anzustrebende Hellenisierung - an einen eurasisch erweiterten Peloponnesischen Krieg denkt Elsässer lieber nicht. Also verfolgt er mit diesem Buch vor allem die Absicht, die Regierung Schröder zu bestärken, einen "Bruch mit Amerika" herbeizuführen.

          Weil sich indes nicht leugnen läßt, daß die Vereinigten Staaten im Zweiten Weltkrieg entscheidenden Anteil am Sieg über Nazi-Deutschland hatten und nach 1945 materiell und ideell am Aufbau einer demokratischen Gesellschaft in den Westzonen maßgeblich beteiligt waren, muß Elsässer diesen Sachverhalt umbiegen und behaupten, Amerika habe sich Deutschland nur als Erfüllungsgehilfen amerikanischer Wirtschaftsinteressen in Europa gehalten. So sei es mit der "alten" Bundesrepublik gewesen. Als die Vereinigung Deutschlands im Zusammenspiel von Kohl und Bush sen. gegen den Willen der Nachbarstaaten durchgezogen worden war, konnte das nun erstarkte Deutschland - dieses Mal mit Rückendeckung Amerikas - eroberungspolitisch wieder genau da anknüpfen, wo das "Dritte Reich" 1945 gestoppt worden war.

          In den Jahren der Clinton-Administration habe sich die deutsche Position dann allerdings so verstärkt, daß Amerika häufig gezwungen war, sich bestimmten politischen Plänen Deutschlands, zum Beispiel der Nato-Ost-Erweiterung, anzuschließen und anzupassen. Dabei seien, so geht es halt bei der Kumpanei von Schurken, zugleich auch die Rivalitäten zwischen Berlin und Washington gewachsen. Der Irak-Krieg sei letztlich kein Rohstoffkrieg, sondern eine Weltwährungsschlacht - Dollar gegen Euro. Präsident Bush habe das Ende der Achse Washington-Berlin seit Herbst 2001 betrieben, Schröder mit seinem "Nein" zum Irak-Krieg nur darauf reagiert. Damit habe er gerade keinen neuen deutschen Sonderweg eingeschlagen, vielmehr die Option einer weniger aggressiven deutschen Außenpolitik im Bündnis mit Paris und Moskau aufscheinen lassen (Lob). Da er aber letztlich doch nur der "Kanzler der Bosse" sei (Anklage), werde sich vermutlich die strukturelle Neigung der deutschen Wirtschaft zum Krieg (im Irak und anderswo) durchsetzen. Ende des Sonderwegs heiße Bruch mit Amerika. Originell ist das schon, aber anders als in dem Bild von Paul Klee verlieren sich diese Nebenwege in einem unwirtlichen weltanschaulichen Labyrinth. Die Kunstwelt des Marxismus Reloaded bleibt empirisch und normativ taub.

          WILFRIED VON BREDOW

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