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Rezension: Sachbuch : Geschichte ohne Unterleib

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Das Hamburger Institut für Schiffs- und Tropenkrankheiten

          5 Min.

          Erich Mannweiler: Geschichte des Instituts für Schiffs- und Tropenkrankheiten in Hamburg. 1900 bis 1945. Abhandlungen des Naturwissenschaftlichen Vereins in Hamburg 32. Keltern-Weiler, 1998. 245 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 98,- Mark.

          Wer die Geschichte einer staatlichen Institution schreibt und dabei das Problematische einfach ausklammert, ist entweder naiv oder er hat Gründe. In jedem Fall wird der Autor damit ein schlechtes Licht auf jene Institution lenken. Ein aktuelles Beispiel stammt aus der Feder eines Hamburger Arztes. Erich Mannweiler, bis zu seiner Pensionierung 1994 leitender Mitarbeiter am Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, hat eine Geschichte des Hamburger Tropeninstituts für die Zeit bis 1945 geschrieben, die Widerspruch herausfordert.

          Nach der Eröffnung der Liverpool und der London School of Tropical Medicine 1899 war das Hamburger Institut für Schiffs- und Tropenkrankheiten, wie es bei seiner Gründung im Jahre 1900 hieß, weltweit eines der ersten tropenmedizinischen Spezialinstitute. Bernhard Nocht (1857 bis 1945), Begründer und langjähriger Direktor, widmete sich mit seinen Mitarbeitern von Beginn an sowohl der Forschung und Lehre als auch der Heilung von Tropenkrankheiten. Das Institut genoss schon nach wenigen Jahren internationales Ansehen. Bei der Darstellung der Leistungen und Erfolge der Hamburger Wissenschaftler ist Erich Mannweiler in seinem Element. Dieser Teil des Buches gelingt ihm souverän, nicht jedoch die Behandlung der historischen Entwicklung der Institution.

          Der Autor verzichtet bei der Betrachtung der eigentlichen Institutsgeschichte auf eine Auseinandersetzung mit zentralen historischen Quellen und lässt die historische Forschung außer Acht. Die Geschichte des Tropeninstituts scheint sich so in der Aufzählung von Personen und Räumlichkeiten und besonderen Festveranstaltungen zu erschöpfen. Man erfährt die Namen der Labordiener, die Charaktereigenschaften der Oberschwester und die Lage der Spülküchen im Institutsgebäude. Doch das Hamburger Tropeninstitut war eingebunden in ein vielschichtiges politisches und auch ökonomisches Beziehungsgeflecht. Konstitutiv bei der Gründung des Instituts waren die Kolonialinteressen des Deutschen Reichs und die Überseeinteressen der Hamburger Kaufleute und Reeder. Nach dem Verlust der Kolonien infolge des Versailler Vertrags war das Institut ein Aktivposten deutscher auswärtiger Kulturpropaganda und im "Dritten Reich" eine Zentrale des deutschen Kolonialrevisionismus.

          Mannweiler verklärt das "segensreiche Wirken" deutscher Ärzte in den Kolonien. Die zahlreichen Forschungs-, Studien- und Propagandareisen der Institutsmitglieder in den zwanziger und dreißiger Jahren sind lediglich Gegenstand von Auflistungen. Über die kultur- und kolonialpolitischen Zusammenhänge, über die Ziele und Intentionen der reisenden Wissenschaftler erfährt der Leser nichts. In Hitler sah die deutsche Tropenmedizin als den "Wiederbringer unserer Kolonien". Mannweiler widmet diesem Themenkomplex wenig mehr als eine Seite seines Buches.

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