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: Ludwigsburgs akribische Aufklärer

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Die Ludwigsburger Vorermittler wollten "die Entscheidungs- und Handlungsspielräume der vor Ort handelnden Befehlsgeber und -empfänger" rekonstruieren. Davon nahm die Geschichtswissenschaft erst nach Jahrzehnten Kenntnis, meint Frau Weinke. Die bleibenden Leistungen der Zentralen Stelle belegen jene Massen von Ermittlungsakten, die seit dem Jahr 2000 mehr und mehr in die Obhut des Bundesarchivs kommen, das in Ludwigsburg eine Außenstelle unterhält, während die Universität Stuttgart zur wissenschaftlichen Auswertung mit einer rührigen Forschungsstelle aufwartet.

Als Mitarbeiterin dieser Forschungsstelle hat die Autorin ein hochinteressantes Buch geschrieben - bis in einzelne Details und Nebenaspekte hinein. So schildert sie, wie 1965/66 der Ludwigsburger Chefermittler ins Visier des Ostblocks geriet wegen angeblicher Beteiligung an Kriegsverbrechen. Über Schüles Verteidiger stellt sie fest: "Der prominente Anwalt und spätere Bundesverfassungsrichter Fabian von Schlabrendorff, der aufgrund seiner Beteiligung am militärischen Widerstand gegen Hitler und seiner Rolle als verhinderter Tyrannenmörder nicht nur innerhalb der konservativen Eliten einen hohen Nimbus genoss, führte seit den fünfziger Jahren gemeinsam mit Sozius Friedrich Christoph von Bismarck eine gutgehende Kanzlei in Wiesbaden." Er habe "bemerkenswert wenig Gespür für die Notwendigkeit einer juristischen Aufarbeitung von NS-Verbrechen" besessen: "Vielmehr scheint eine gewisse Sympathie für die von Strafverfolgung bedrohten Täter, verbunden mit pekuniären Interessen, dazu geführt zu haben, dass sich der bekannte Widerstandskämpfer und sein Kompagnon vor allem für hochkarätige NS-Angeklagte einsetzten", darunter Albert Speer und Werner Best. Von den "besonderen politischen Neigungen seines Anwalts" habe der "gesundheitlich schon recht angeschlagene Schüle" wohl nichts gewusst - ebenso wenig davon, dass Schlabrendorff eine sich anbahnende Zeugenvernehmung in der Sowjetunion zur Klärung der gegen Schüle erhobenen Anschuldigungen durch Entsendung eines westdeutschen Staatsanwaltes verhindert habe: Schlabrendorff ließ den Kanzleramtsminister Ludger Westrick wissen, dass dadurch die "Reputation der Bundesrepublik" in gravierender Weise beschädigt würde. Daher habe sich Schüle im August 1966 auf eigenen Wunsch von seinem Amt als Behördenleiter entbinden lassen müssen, um erst zwei Jahre später durch Ernennung zum Generalstaatsanwalt in Stuttgart rehabilitiert zu werden. Damit bringt Frau Weinke das Schlabendorff-Bild ins Wanken.

Was der Studie ein wenig fehlt, ist der Blick in die Behörde. Durch die kurzen Stehzeiten der Angehörigen des höheren Dienstes - in den ersten Jahrzehnten oft nur ein Jahr - war die Arbeit teilweise wenig effizient. Oft fehlten den abgeordneten Staatsanwälten die Fremdsprachenkenntnisse, aber auch das Wissen über die militärischen Strukturen. Trotzdem gab es einige, die es genau wissen wollten, unter ihnen der promovierte Jurist und Staatsanwalt Wolfram Weber, der von 1973 bis 1977 der Zentralen Stelle angehörte. Er nutzte die dort erworbenen Aktenkenntnisse dazu, eine Studie über "Die innere Sicherheit im besetzten Belgien und Nordfrankreich 1940-1944" zu verfassen, um in Köln auch noch als Historiker promoviert zu werden. Seine Monographie von 1978 fehlt in Frau Weinkes Literaturverzeichnis.

RAINER BLASIUS

Annette Weinke: Eine Gesellschaft ermittelt gegen sich selbst. Die Geschichte der Zentralen Stelle in Ludwigsburg 1958-2008. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2008. 224 S., 39,90 [Euro].

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