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: Lavieren als Lebensprinzip

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Dies hinderte ihn im August 1914 allerdings nicht daran, im Konflikt zwischen "patriotischen Pflichten" und "pazifistischen Postulaten" sich ebenso zu verhalten wie etwa die Sozialdemokraten. Der Krieg galt als Verteidigungskrieg - und selbst der Bruch der belgischen Neutralität wurde gerechtfertigt. Infolge der Hintanstellung von Kriegskritik und Internationalismus erlitt Quidde als Galionsfigur der bürgerlichen Friedensbewegung einen tiefgehenden Ansehensverlust. Auf die Veränderungen im Epochenjahr 1917 mit der Februarrevolution in Russland und dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten reagierte er nach den Vorgaben des liberalen Modells und forderte die Einbindung der Nationalstaaten in eine internationale Organisation, so dass der Weg frei würde für schiedlich-friedliche Konfliktlösungen und Rüstungskontrolle. Wie Präsident Wilson beschwor Quidde den demokratischen Frieden: "Freie innere Verfassungen der Staaten sind in der Tat eine der Voraussetzungen für das Gedeihen einer zwischenstaatlichen Organisation und für eine diesem Ziele zugewandte Politik."

Nach dem Waffenstillstand 1918 erwartete er in gänzlicher Fehleinschätzung der Lage einen "Wilson-Frieden". Auf keinen Fall wollte er "im Büßergewand den Feinden entgegentreten". Die Kriegsschuldfrage könne nicht einseitig zu Lasten Deutschlands behandelt werden. Er beschönigte keineswegs die "wilden Auswüchse des deutschen Annexionswahns", stimmte aber als Mitglied der Nationalversammlung 1919 gegen den Versailler Vertrag. Quidde berief sich dabei auf seinen Pazifismus, verstand diesen allerdings wie 1914 als "patriotischen Pazifismus". Seine bürgerlich-liberale und nationale Sicht der Dinge ließ ihn im Laufe der zwanziger Jahre zunehmend zu einer umstrittenen Führungsgestalt werden. Als er den Friedensnobelpreis erhielt, hatte er den Höhepunkt seines Wirkens bereits überschritten. Holl beschreibt ausführlich die innerpazifistischen Auseinandersetzungen in Deutschland, die "Exzesse egomanischen Schmierentheaters von Star-Pazifisten", bei denen sich die radikaleren Kräfte durchsetzen sollten. Dabei versäumt er es aber, die unterschiedlichen Pazifismusbegriffe, Weltbilder und Ordnungsvorstellungen zu systematisieren. Bilanzierend spricht er von einem "erfolglosen Pazifistenleben". Denn Quidde stand in zweifacher Hinsicht auf der Verliererseite. Innerhalb des organisierten Pazifismus sah er sich an den Rand gedrängt. Zum Ausgestoßenen wurde er durch den Sieg der politischen Rechten seit 1930 sowohl in seiner Partei, der ursprünglich linksliberalen DDP, als auch in Deutschland insgesamt.

Seit 1933 gab es für erklärte Pazifisten in Deutschland keinen Raum mehr. Wer nicht rechtzeitig flüchtete, wurde ein Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung. Quidde gelang es, in die Schweiz zu emigrieren, wo er als routinierter Friedensaktivist tätig blieb und sich für in Deutschland inhaftierte Pazifisten einsetzte, aber auch durch verharmlosende Äußerungen über Hitlers Außenpolitik für Kopfschütteln sorgte. Von einer Kriegsgefahr begann er erst Ende der dreißiger Jahre zu sprechen. Der emphatische Wunsch nach Frieden ging bei Quidde immer wieder mit politischen Einschätzungen einher, die ihn als Pazifisten unglaubwürdig machten. Sofern Friedenshandeln auch mit einer realitätsgerechten Wahrnehmung von Politik einhergehen muss, zählt Quidde eher zu den problematischen Ikonen der deutschen Friedensbewegung. Diese Ambivalenzen aufgezeigt zu haben und nicht der Versuchung erlegen zu sein, seinen "Helden" auf ein Podest zu stellen, sondern ihn auch in seiner grenzenlosen Eitelkeit zu präsentieren, zeichnet Karl Holl als einen Historiker aus, der umfassend dokumentieren will.

GOTTFRIED NIEDHART

Karl Holl: Ludwig Quidde (1858-1941). Eine Biographie. Droste Verlag, Düsseldorf 2007. 648 S., 49,- [Euro].

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