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: Lange Tradition

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"Welche militärischen Leistungen bewundern Sie am meisten?" fragte einst das Magazin dieser Zeitung. Franz Josef Strauß antwortete: "Die Leistungen des deutschen Afrika-Korps 1941 bis 1943." Und Friedensreich Hundertwasser sagte: "Die Handstreiche der deutschen Wehrmacht, nicht aber ihre falschen Konsequenzen." Doch das sind Ausnahmen.

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          "Welche militärischen Leistungen bewundern Sie am meisten?" fragte einst das Magazin dieser Zeitung. Franz Josef Strauß antwortete: "Die Leistungen des deutschen Afrika-Korps 1941 bis 1943." Und Friedensreich Hundertwasser sagte: "Die Handstreiche der deutschen Wehrmacht, nicht aber ihre falschen Konsequenzen." Doch das sind Ausnahmen. Viele antworteten mit "Keine". Der Begriff der kriegerischen Leistung ist im heutigen Deutschland weitgehend tabuisiert, erst recht im Zusammenhang mit der Wehrmacht. Entweder gelten die deutschen Soldaten jener Zeit als Verbrecher oder als Trottel, wie sie Hollywood gern sieht (Feldwebel Schulz).

          Der israelische Militärhistoriker Martin van Creveld ruft in Erinnerung, daß die mit einer teils veralteten Ausrüstung angetretene und stark unterlegene Wehrmacht nur fünf Monate brauchte, um die Tore Moskaus zu erreichen; "um sie auf ihre Ausgangslinie zurückzuwerfen, brauchte der bis dahin grenzenlos überlegene Gegner volle zweieinhalb Jahre." Der Ruf der Kampfkraft der Wehrmacht beruht tatsächlich nicht in erster Linie auf ihren Siegen. Sie kämpfte in der Niederlage, auch wenn sie zahlenmäßig eins zu sieben unterlegen war. Eine geheimdienstliche Übersicht der Alliierten ergab, daß die deutschen Soldaten sogar im April 1945 verbissen weiterkämpften, wo immer die taktische Lage überhaupt noch erträglich war. Sie kämpfte weiter, wie Creveld schreibt, "obwohl Hitlers Krieg zu keiner Zeit in Deutschland wirklich populär war", "in ihrem Rücken die Heimat in Trümmer gebombt wurde", sie kämpfte noch "Jahre, nachdem alle Hoffnung auf einen Sieg vergangen war". Sie kämpfte, auch als ihre Einheiten auf wenige Männer zusammengeschrumpft waren. Der ehemalige amerikanische Oberst Trevor Dupuy errechnete, daß "die Deutschen durchweg die zahlenmäßig weit überlegenen alliierten Armeen, denen sie schließlich unterlagen, übertrafen". Ganz gleich ob in Angriff oder Verteidigung, ob die Wehrmacht Luftüberlegenheit hatte oder nicht: Die Soldaten fügten ihren Gegnern stets Verluste zu, die um etwa fünfzig Prozent höher waren als die eigenen.

          Crevelds Buch "Kampfkraft" entstand vor gut 25 Jahren als Fachstudie für das amerikanische Verteidigungsministerium, als der Vietnam-Krieg das amerikanische Selbstbewußtsein beschädigt hatte. Es vergleicht Organisation und Leistung der deutschen und der amerikanischen Armee 1939 bis 1945 und liegt nun in einer neuen deutschen Ausgabe vor. Creveld kommt zu dem Ergebnis, daß dem deutschen Heer "im Hinblick auf Moral, Elan, Truppenzusammenhalt und Elastizität . . . wahrscheinlich unter den Armeen des zwanzigsten Jahrhunderts keine ebenbürtig" war. Warum? Der Autor macht dafür allenfalls bis zu einem gewissen Grad nationalsozialistische Indoktrinierung, den hohen gesellschaftlichen Status des Militärs oder "ein paar Eigenheiten des Nationalcharakters" verantwortlich. Vor allem habe die auf einer langen Tradition basierende innere Organisation des Heeres Kampfkraft hervorgebracht und erhalten.

          Während in der amerikanischen Armee viele Offiziere im rückwärtigen Gebiet eine ruhige Kugel schoben und es an guten Führern an der Front mangelte, war die Organisation der Wehrmacht darauf angelegt, Kämpfer hervorzubringen und zu belohnen. Anders als die amerikanische Armee gab es in der Wehrmacht kein wissenschaftlich fundiertes Management, keine Meinungsumfragen und keine Psychoanalyse. Sie konzentrierte sich, zum Teil notgedrungen, auf das Wesentliche. Die Auftragstaktik, das Recht und die Pflicht aller auch nachgeordneten Führer, selbständig zu entscheiden und zu handeln, ist dafür ein wichtiges Beispiel - das unterschied noch Jahrzehnte nach dem Krieg das deutsche vom amerikanischen Militär.

          In Vorwort zur Neuauflage grenzt sich Creveld ausdrücklich von denen ab, die sein Buch als eine Entlastung der Wehrmacht hinsichtlich ihrer Verwicklung in Verbrechen ansehen. "Im Gegenteil scheint die Faktenlage zu zeigen, daß große militärische Leistungen und die Verwicklung in eines der schrecklichsten Verbrechen, die je begangen wurden, sich nicht notwendigerweise ausschließen." Das sei ein "erschreckender Gedanke", dessen Bedeutung weit über die Wehrmacht hinausgehe. Erstaunlich ist aber, daß dies alles für den anerkannten Militärfachmann keine Selbstverständlichkeit ist: Immer wenn Menschen in den Krieg ziehen, erst recht wenn es sich um eine umfangreiche technisierte Auseinandersetzung handelt, ist es nur ein kleiner Schritt von der völkerrechtmäßigen Kriegshandlung, also dem Versuch einer Einhegung des Tötens, zum Massenmord. 

          REINHARD MÜLLER

          Martin van Creveld: Kampfkraft. Militärische Organisation und Leistung der deutschen und amerikanischen Armee 1939-1945. Ares Verlag, Graz 2005. 216 S., 19,90 [Euro].

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