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: Kraft zum abweichenden Denken

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Sabine Gillmann/Hans Mommsen (Heraussgeber): Politische Schriften und Briefe Carl Friedrich Goerdelers. Zwei Bände. K.G. Saur Verlag München 2003. LXXXV und 1295 Seiten, 48, - [Euro].Widerstand gegen die totalitären Herrschaftsansprüche einer modernen Diktatur ist alles andere als selbstverständlich.

          Sabine Gillmann/Hans Mommsen (Heraussgeber): Politische Schriften und Briefe Carl Friedrich Goerdelers. Zwei Bände. K.G. Saur Verlag München 2003. LXXXV und 1295 Seiten, 48, - [Euro].

          Widerstand gegen die totalitären Herrschaftsansprüche einer modernen Diktatur ist alles andere als selbstverständlich. Er ist vielmehr ein dynamischer Vorgang, ein politischer Lernprozeß, der die Kraft zum abweichenden Denken und den Mut zum Einsatz des eigenen Lebens erfordert. Gerade den Repräsentanten des national-konservativen Widerstandes gegen Hitler war der Weg in den Widerstand nicht ins Stammbuch geschrieben. Die inneren Widersprüche zwischen Mitmachen und Widerstehen, zwischen Loyalität und Opposition und die Bedingungen ihres Widerstandshandelns erschließen sich vor allem aus biographischen Studien, aus Schriften und Aufzeichnungen der einzelnen Widerständler. Sie sind zugleich ein Spiegel der Entwicklung der nationalsozialistischen Herrschaft und der Nazifizierung der deutschen Gesellschaft.

          Nachdem vor nunmehr zwanzig Jahren mit der kritischen Edition unveröffentlichter Selbstzeugnisse bürgerlich-aristokratischer Widerstandskämpfer eine erste gesicherte Materialgrundlage für ein differenziertes Studium des Widerstands geschaffen wurde, liegen nun die Politischen Schriften und Briefe Carl Friedrich Goerdelers vor. Das Warten hat sich am Ende gelohnt. Die Selbstzeugnisse beleuchten die Persönlichkeit und das politische Denken Göerdelers in all seinen Facetten. In den mehr als 100 Dokumenten entdecken wir - ausführlicher und differenzierter als bisher - den widersprüchlichen und quälenden Weg Goerdelers zum Widerstand.

          Er war erfolgreicher Kommunalpolitiker, der in der Staats- und Wirtschaftskrise auf die Sacharbeit der Fachleute setzte und in langwierigen demokratischen Entscheidungsprozessen nur einen Hemmschuh sah. Er unterstützte darum die "Politik der Sachlichkeit" von Reichskanzler Brüning und sah schließlich auch in der nationalsozialistischen Machtübernahme eine Chance, seine verfassungs- und wirtschaftspolitischen Vorstellungen zu realisieren. Als Reichspreiskommissar meinte er hinreichenden Einfluß auf die Politik der Reichsregierung zu besitzen, um bei der Formulierung der Deutschen Gemeindeordnung seine Selbstverwaltungsidee gegen den expansiven Einfluß der NSDAP zu behaupten und um die Grundsätze einer liberalen Wirtschaftsordnung gegen die zerstörerischen Konsequenzen der NS-Autarkiepolitik zu bewahren. Bis 1936 sind die Denkschriften von der Hoffnung getragen, die totalitären Tendenzen der Diktatur auf die etatistisch-autoritäre Ausgangsbasis zurückzuführen und den Rechtsstaat wiederherzustellen. Zu der Erfolglosigkeit seiner rastlosen Bemühungen, mit Denkschriften den politischen Entscheidungsprozeß des Regimes zu beeinflussen, kam der Einflußverlust als Leipziger Oberbürgermeister. Sein Rücktritt Ende 1936, dessen letzter Anstoß die Schleifung des Mendelssohn-Denkmals bildete, die lokale NS-Funktionäre während einer Auslandsreise hinter seinem Rücken betrieben, war sichtbarer Protest gegen die Mißwirtschaft und das krakenhafte Ausgreifen der nationalsozialistischen Gliederungen auf alle Ebenen von Politik und Verwaltung.

          Das Ausscheiden aus dem Amt, das ihm nicht leichtfiel, verstand er nicht als definitiven Bruch mit dem Regime. Tatsächlich begann damit aber eine Phase der schrittweisen Ernüchterung und Kritik am "Dritten Reich", an seiner Wirtschafts- und Rüstungspolitik. Goerdelers Auslandsreisen dienten der Verhinderung des drohenden Krieges. Im Sommer und Herbst 1938, das weisen bisher unbekannte Dokumente nach, wurde die Abwendung vom Regime klar und unumkehrbar; sie mündete in eine systemüberwindende Opposition. Auch wenn es das eine Schlüsseldokument für die Entscheidung zum Widerstand nicht gibt, so kommt der nun entdeckten Denkschrift zur Innenpolitik vom Oktober/November 1938 große Bedeutung zu: Goerdeler unterzog erstmals das nationalsozialistische Regime einer grundsätzlichen Kritik und rief zu einer gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Neuordnung sowie zu einer Verfassungsreform auf.

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