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: Kraft ohne Wirkung

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Die kubanische Revolution und der ägyptische Staat unter Gamal Abdel Nasser brachten Bewegung in die bipolare Staatenwelt am Anfang der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die amerikanische Niederlage in Vietnam, die Machtübernahme marxistisch-leninistischer Parteien in Nicaragua und auf Grenada, ...

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          Die kubanische Revolution und der ägyptische Staat unter Gamal Abdel Nasser brachten Bewegung in die bipolare Staatenwelt am Anfang der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die amerikanische Niederlage in Vietnam, die Machtübernahme marxistisch-leninistischer Parteien in Nicaragua und auf Grenada, der Einsatz der kubanischen Armee in Afrika und der Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan gaben dieser Entwicklung in den siebziger Jahren neuen Auftrieb. Hauptsächlich im Westen wurde die veränderte Großwetterlage als ein heftiger sowjetischer Sturm wahrgenommen.

          Im zweiten Schwarzbuch des KGB, das wie der Vorgängerband auf den aus der Sowjetunion geschmuggelten Akten des ehemaligen leitenden KGB-Archivars der Ersten Hauptverwaltung (Ausland), Wassili Mitrochin, basiert, stellt Christopher Andrew zwei Thesen auf: Der KGB war die treibende Kraft hinter den Einsätzen der Sowjetunion in der Dritten Welt. Und: Das sowjetische Vorgehen folgte einem Plan. Mitrochins KGB-Akten belegen auch eindeutig, daß es schon 1961 einen derartigen Grundriß gab. Der Gedanke, daß der Kalte Krieg in der Dritten Welt gewonnen werden könnte, wurde der Sowjetführung von der KGB-Zentrale nahegelegt, auch wenn erhebliche Impulse von KPdSU-Generalsekretär Nikita Chruschtschow ausgingen. Daher widerspricht Andrew dem britischen Historiker Eric Hobsbawm, der bislang keine Beweise dafür sah, daß die Sowjetunion bis in die siebziger Jahre die Grenzen des Kommunismus durch das Anfachen revolutionärer Bewegungen ausweiten wollte.

          Die Ergebnisse der KGB-Arbeit in der Dritten Welt waren jedoch von zweifelhaftem Erfolg. Dem sowjetischen Geheimdienst gelangen zwar häufige Erfolge bei der Beschaffung von Informationen, doch mit der bewußt fehlerhaften Auswertung führte sich die rege Tätigkeit des KGB selbst ad absurdum. KGB-Informationen dienten vorwiegend dazu, die sowjetische Führung in Fehleinschätzungen zu bestärken. Der KGB beschönigte außerdem die Erfolge der aktiven Maßnahmen, die von verdeckter Medienmanipulation über Verschwörungstheorien bis hin zu Attentaten reichten. Unabstreitbar hatte dies im Afghanistan-Krieg zur Folge, daß Moskau über die wahre Kriegsproblematik und die Besonderheiten des afghanischen Volkes erst nach Gorbatschows KGB-Reformen informiert wurde.

          Obwohl der KGB Informationen anpassen mußte, war sein Optimismus über die Erfolgschancen in der Dritten Welt nicht vorgetäuscht. Die KGB-Agenten verbuchten auch schnell vorzeigbare Ergebnisse in Lateinamerika. Der KGB erkannte das Potential Fidel Castros früher als das sowjetische Außenministerium und spielte seit der Kontaktaufnahme eine treibende Rolle auf Kuba. Auch die effektive Unterstützung von Salvador Allende in Chile ging auf den KGB zurück. Hinsichtlich der Erfolgsaussichten in Lateinamerika war der sowjetische Geheimdienst intern jedoch realistisch. Schon vor Allendes Sturz bezweifelte der KGB, daß sich dessen Regierung halten könnte. Die verdeckten Kontakte zur "progressiven" Junta in Peru, zu General Juan Torres Gonzáles in Bolivien, Juan Perón in Argentinien und Oberst Omar Torrijos in Panama hielten auch nur ein paar Jahre, bis die Führer abgesetzt wurden oder starben.

          Der sowjetische Geheimdienst spezialisierte sich ferner auf die Verbreitung von paranoiden Zuständen unter führenden Politikern der Dritten Welt. Meistens wurde die Drohkulisse eines CIA-Mordkomplotts aufgebaut. Neben Indira Ghandi in Indien und Ahmed Ben Bella in Algerien soll auch das ägyptische Staatsoberhaupt Haile Mengistu durch sowjetische Nachhilfe unter Verfolgungswahn gelitten haben. Die Desinformationsaktivitäten des KGB bewirkten vermutlich eine Steigerung des sowieso schon vorhandenen Antiamerikanismus in der Dritten Welt und stärkten neue Verschwörungstheorien, unter anderem, daß Aids eine amerikanische Erfindung sei und die Vereinigten Staaten mit Baby-Organen aus der Dritten Welt handeln würden.

          In britischer Tradition gelingt Andrew der Drahtseilakt zwischen präziser wissenschaftlicher Studie und einem lesbaren geschichtlichen Gesamtüberblick. Akten aus den "sechs randvoll gefüllten Kisten mit Geheimmaterial" ergänzt Andrew mit vielen Auszügen aus Memoiren sowie bereits bekannter Sekundärliteratur. Die Vielzahl an einzelnen Details gewährt zwar neue Einblicke, einigen Abschnitten des Werkes verleiht sie jedoch eine gewisse Langatmigkeit. Mit besonderem Gewinn ist das Kapitel über den Nahen Osten und den Einsatz in Afghanistan zu lesen. Aus der soliden Quellenlage schöpfend, liefert vor allem der Abschnitt über die sowjetische Unterstützung der Palästinenser und des Terrorismus im Nahen Osten neue Erkenntnisse. Obwohl sich die sowjetische Politik öffentlich von allen Formen des Terrorismus distanzierte, förderte der KGB im Hintergrund palästinensische Terroranschläge.

          Trotz vieler interessanter Informationen dürfte das Buch im Vergleich zum ersten Band jedoch eine schwächere Wirkung entfalten. Der Kalte Krieg des KGB in der Dritten Welt verlief weitgehend enttäuschend. Die Strategie des sowjetischen Geheimdienstes war unrealistisch, weil das sowjetische System versagte und im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten keine Attraktivität auszustrahlen vermochte.

          ADAM HOLESCH

          Christopher Andrew / Wassili Mitrochin: Das Schwarzbuch des KGB 2. Moskaus Geheimoperationen im Kalten Krieg. Aus dem Englischen von Heike Schlatterer, Enrico Heinemann und Norbert Juraschitz. Propyläen Verlag, Berlin 2006. 878 S., 26,- [Euro].

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