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Kosovo : Als sich die UN übernommen hatten

März 1999, auf einer Demonstration in Prishtina Bild: REUTERS

Erich Rathfelder setzt sich kenntnisreich mit dem Kosovo-Konflikt auseinander - und mit der internationalen Sisyphos-Arbeit.

          3 Min.

          Seit Ende der achtziger Jahre hat Erich Rathfelder immer wieder das Kosovo bereist. Aus der Nähe erlebte er, wie das Regime des serbischen Autokraten Slobodan Milosevic die Autonomie der damals noch Serbien zugehörigen Provinz aufhob und sich die albanische Bevölkerungsmehrheit erst friedlich, dann auch mit Gewalt gegen Belgrads Herrschaft wehrte. Er wurde Zeuge des Einmarschs der westlichen Truppen in das Kosovo, erlebte die Umwandlung des Gebietes in ein UN-Protektorat sowie die Unabhängigkeitsproklamation vom Februar 2008. Seine Zeitzeugenschaft hat er nun zu einem Buch verarbeitet.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Eingangs schildert er den Zerfall Jugoslawiens und beschreibt, wie vor allem in Slowenien, der einzigen jugoslawischen Republik mit nennenswerter Exportwirtschaft, die Forderung nach Wirtschaftsreformen immer lauter wurde. Slowenien lief Gefahr, den Anschluss an die Märkte zu verlieren. Im Süden Jugoslawiens kannte man solche Sorgen nicht. Während in Laibach für eine Modernisierung des Landes demonstriert wurde, erlebte der Autor in Prishtina eine patriarchalische, zurückgebliebene Welt, die noch ganz dem vor seinem Untergang stehenden Staat ergeben schien: „Beim Friseur, beim Metzger oder den unzähligen Schneidern, Schuhmachern, Tandverkäufern war sein Bild zu sehen, in unzähligen Variationen: Tito in Marschallsuniform, Tito mit den Großen der Welt, mit Richard Burton und Elizabeth Taylor, Tito auf der Jagd.“

          Ausführlich wird der sich verschärfende serbisch-albanische Konflikt um das Kosovo nachgezeichnet. Eine bemerkenswerte Erklärung bietet Rathfelder für die Haltung der damaligen „Staatengemeinschaft“, die Serbiens Gewaltpolitik anfangs begünstigte: Viele Entscheidungsträger in den großen Außenministerien seien schließlich als Botschafter in Jugoslawien auf Posten gewesen, und das habe ihre Sichtweise geprägt - sie betrachteten Jugoslawien durch die Brille ihrer Belgrader Jahre: „Bei den Diskussionen in Belgrad, bei Einladungen und Empfängen, waren Serben in der Überzahl. Die serbische Position war für die Diplomaten allgegenwärtig und wurde oftmals sogar als die jugoslawische interpretiert, Korrektive aus anderen Teilen des Landes fehlten vielfach.“

          Überzeugend widerlegt Rathfelder auch die Legende, die „Jugoslawische Volksarmee“ (JNA) habe noch Anfang der neunziger Jahre das Land vor dem Zerfall bewahren wollen. In Wirklichkeit war sie spätestens 1992 zu einer großserbischen Streitmacht geworden. Doch schon im alten Jugoslawien, so Rathfelder, sei die JNA serbisch geprägt gewesen, denn es drängten „traditionell vor allem Serben und Montenegriner in die Armee, der sichere Job und das hohe soziale Prestige als Offizier in Serbien waren attraktiv. Kroaten und Slowenen waren zurückhaltender, es gab im Norden mehr Möglichkeiten, sich beruflich zu entfalten, und die Armee stand dort nicht in hohem Ansehen.“

          Da dennoch der nationale Proporz gewahrt wurde, kam es zu einem Beförderungsstau für Serben, während Kroaten oder Mazedonier schnell aufstiegen. Viele serbische Offiziere waren daher nicht unglücklich, als 1991 fast alle Nichtserben die JNA verließen. Der Weg war nun frei für sie. „Die gemeinsame jugoslawische Volksarmee kam in serbische Hand, mit allen Waffen und der gesamten Infrastruktur“, folgert Rathfelder. Umso ungeheuerlicher sei die Reaktion der Staatengemeinschaft gewesen, der nichts anderes einfiel, als ein Waffenembargo zu verhängen. Das habe Milosevic nur recht sein können - er verfügte ja über Waffen.

          Die kriegerischen Auseinandersetzungen um das Kosovo beschreibt Rathfelder detailliert, doch ist vieles davon letztlich nur noch für Historiker und Spezialisten interessant. Für die Gegenwart bedeutsamer sind die Passagen über jene achteinhalb Jahre, in denen das Kosovo von einer Mission der Vereinten Nationen (Unmik) verwaltet wurde. Ohne deren Erfolge kleinzureden, arbeitet Rathfelder vor allem das die UN-Mission auszeichnende Dreigestirn aus Korruption, Inkompetenz und Überbürokratisierung heraus: „Die UN-Leute genossen das privilegierte Leben in der Hauptstadt mit ihren Cafés, den immer besser werdenden Restaurants, den Vergnügungen aller Art. Die in ihrer Heimat keineswegs hochgestellten Experten konnten sich jetzt mit dem Status des UN-Mitarbeiters, mit Geländewagen, Fahrern und Übersetzern ,ausgerüstet`, im Land bewegen. Selbsternannte VIPs gab es wie Sand am Meer.“

          Die UN habe sich im Kosovo „übernommen“, habe stets mit personellen und strukturellen Schwächen zu kämpfen gehabt: „Diplomaten und Experten, die weder die Sprache noch die Mentalität verstanden, wurde weitgehende Entscheidungsgewalt auf einem Terrain zugestanden, auf dem es nur wenige Erfahrungen gab . . . Alle brauchten einige Monate Einarbeitungszeit. Wer jedoch nur für sechs Monate oder ein Jahr angeheuert war, hatte oft gerade seine Aufgabe verstanden, sie jedoch noch nicht gelöst. Kosovarische Mitarbeiter klagten, das die Nachfolger sich dann die Erfahrungen der Vorgänger nicht richtig zu eigen machten . . . In Bosnien hatte sich schon gezeigt, das die verantwortlichen internationalen Diplomaten und Politiker Konflikte scheuten, um nicht während ,ihrer' Mission in karrierehemmende Schwierigkeiten zu geraten.“

          Im Kosovo lief das auf eine Verbrüderung mancher UN-Diplomaten mit albanischen Freischärlern hinaus. Diese Passagen bieten wertvolle Anregungen zum Nachdenken über Möglichkeiten und Grenzen internationaler Interventionen, wie sie unlängst wieder am Beispiel Libyens diskutiert wurden.

          Erich Rathfelder: Kosovo. Geschichte eines Konflikts. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 460 Seiten, 18 Euro.

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