https://www.faz.net/-gqz-skdh

: Konjunkturen eines Mythos

  • Aktualisiert am

Über Charles de Gaulle, den "berühmtesten aller Franzosen", wie ihn Alfred Fabre-Luce einmal mit spöttischem Unterton genannt hat, ist hierzulande wenig bekannt. Die Zeiten, in denen deutsche Politiker darüber gestritten haben, ob sie als "Gaullisten" der Vision des französischen Staatspräsidenten ...

          Über Charles de Gaulle, den "berühmtesten aller Franzosen", wie ihn Alfred Fabre-Luce einmal mit spöttischem Unterton genannt hat, ist hierzulande wenig bekannt. Die Zeiten, in denen deutsche Politiker darüber gestritten haben, ob sie als "Gaullisten" der Vision des französischen Staatspräsidenten von einem unabhängigen Europa folgen oder sie als "Atlantiker" bekämpfen sollten, sind lange vorbei. Um so erfreulicher ist es, daß Matthias Waechter die Karriere dieses Ausnahmepolitikers vor seiner Wahl zum ersten Präsidenten der V. Republik einem deutschen Publikum nahebringt. Er untersucht den Mythos, der sich um den Führer des "Freien Frankreich" in der Zeit des Londoner Exils seit 1940 gebildet hat, und verfolgt die Wirkungen und Wandlungen dieses Mythos bis zur Beauftragung de Gaulles mit der Regierungsbildung im Mai 1958.

          Die luzide Rekonstruktion des Mythos macht deutlich, worauf die Machtstellung beruhte, die der zuvor weitgehend unbekannte General nach seinem Aufruf zur Fortsetzung des Kampfes gegen Hitler-Deutschland erringen konnte. Die voneinander isolierten Angehörigen der Widerstandsgruppen hatten in dem Führer der Londoner Exilgruppe, der regelmäßig über Radio BBC für ein Frankreich zu sprechen vorgab, "das nicht sterben wollte", etwas, was sie einte: ein Symbol für die Wiederaufrichtung ihres Landes. Gerade weil er als Person ein unbeschriebenes Blatt war, konnte er zur Projektionsfläche für ganz unterschiedliche Bedürfnisse und Sehnsüchte werden. De Gaulle beförderte diesen Integrationsprozeß, indem er sich in die Traditionslinien beider Frankreichs stellte, des katholisch-royalistischen ebenso wie des jakobinisch-republikanischen. Als er dann auch noch in der Tradition des sozialen Katholizismus eine "spirituelle Revolution" ankündigte, die eine "wahre Demokratie" hervorbringen sollte, verhalf er einem Erneuerungsdiskurs zum Durchbruch, der der Résistance weiteren Zulauf brachte und ihn gleichzeitig zum Chef dieser Erneuerungsbewegung avancieren ließ. "Gaullismus" stand damit für das einmütige Bekenntnis zu einer radikalen Neugestaltung des politischen Lebens in Frankreich.

          Mit dem Beginn der Befreiung Frankreichs durch alliierte Truppen im Juni 1944 nahm de Gaulle einen scharfen Kurs- und Diskurswechsel vor. Jetzt ging es nicht mehr um Erneuerung, sondern vordringlich um die nationale Einheit unter seiner Führung. Die Résistance-Führer wurden brutal zur Seite gedrängt, der großen Zahl der Vichy-Anhänger und der Opportunisten wurde mit dem Mythos eines "dreißigjährigen Krieges" gegen die Bedrohung durch Deutschland ("von 1914 bis 1944") ein Integrationsangebot gemacht, das sie natürlich gerne annahmen. Unvermeidliche Begleiterscheinung dieser Vereinnahmung war der Mythos von der Selbstbefreiung des Landes, den de Gaulle mit der Befreiung der Hauptstadt durch die 2. Panzerdivision des General Leclerc geschickt zu inszenieren wußte. Mehr oder weniger konnten sich jetzt alle Franzosen als Angehörige des Widerstands und als Sieger fühlen. Sie dankten es de Gaulle mit geradezu einmütiger öffentlicher Verehrung.

          Das Scheitern der Ambitionen des Generals, auf diese Verehrung eine langfristige politische Herrschaft zu gründen, erklärt Waechter etwas vorschnell mit dem Widerspruch zwischen dem Integrationsbedürfnis Frankreichs und der Fortdauer der Traditionen der Parteiendemokratie. Dabei bleibt unberücksichtigt, daß der Erneuerungskonsens, der de Gaulle mit der inneren Résistance verband, von Anfang an wesentlich oberflächlicher war, als er bei Waechter erscheint. Was de Gaulle unter Erneuerung verstand, blieb ziemlich unklar, und längst nicht alle Résistance-Führer teilten die Hoffnung, daß sich der Chef des "Freien Frankreich" als Führer der Erneuerungsbewegung profilieren würde. Hinzu kam, daß de Gaulle keine Vorstellungen entwickelte, wie die Reformen, die ihm vorschwebten, in der komplexen Wirklichkeit einer modernen Gesellschaft durchgesetzt werden sollten. Indem er auf den direkten Dialog zwischen ihm und dem "Volk" vertraute, fiel er selbst dem Mythos zum Opfer, zu dem er zuvor kräftig beigetragen hatte.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Klage vor Supreme Court : John Majors Verachtung für Boris Johnson

          Der frühere Premierminister John Major ging zu seiner Amtszeit nicht mit Samthandschuhen vor. Doch Boris Johnsons Mittel gehen ihm zu weit. Deswegen hat er sich der Klage gegen die Beurlaubung des Parlaments angeschlossen.
          Unser Sprinter-Autor: Felix Hooß

          F.A.Z.-Sprinter : Plötzlich kleinlaut

          Trump, Netanjahu und Johnson kennt man großspurig. Doch plötzlich zögert Trump, kämpft Netanjahu um sein politisches Überleben und muss sich Johnson vor dem Supreme Court rechtfertigen. Alles Wichtige steht im F.A.Z.-Sprinter.
          Die Talkrunde zum Thema Klimapolitik bei Frank Plasberg

          TV-Kritik: Hart aber fair : Die Realität der Zwickmühle

          Die Klimapolitik ist so verzwickt, dass es den üblichen Verdächtigen kaum noch gelingt, Einsicht in das Notwendige oder gar Verhaltensänderungen zu erreichen. Tatsächlich sehen einige das Format der Talkshow als Pranger für üble Phantasien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.