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: Konjunkturen eines Mythos

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Überhaupt kommt in Waechters ansonsten umsichtiger Darstellung zu kurz, daß sich de Gaulle seit seiner Rückkehr nach Frankreich als Retter zur Lösung von Problemen zu empfehlen pflegte, die er zum Teil selbst verursacht hatte. Mit seiner Weigerung, an die Spitze einer Reformpartei zu treten, schwächte er die Erneuerungsbewegung. Mit dem Konfrontationskurs gegen die Parteien minderte er deren Bereitschaft, sich auf eine Stärkung der Exekutive einzulassen. Mit dem Frontalangriff auf das "Regime der Parteien", den sein "Rassemblement du Peuple Français" (RPF) seit dem April 1947 führte, beeinträchtigte er die Handlungsfähigkeit der IV. Republik. Seine Erklärung vom 26. Mai 1958, den "regulären Prozeß zur Übernahme einer republikanischen Regierung" in Angriff genommen zu haben, war ebenso ein Angriff auf die bestehende Ordnung wie ein Akt der Verteidigung gegen die Putschpläne in den Kreisen der militärischen Führung.

Bei der Erklärung von Erfolg und Scheitern des RPF übersieht Waechter, daß die große Furcht vor einem kommunistischen Umsturz erst im Winter 1947/48 um sich griff. Die eindrucksvollen 38 Prozent der Stimmen, die das RPF in den Kommunalwahlen vom 20. Oktober 1947 auf sich vereinen konnte, müssen daher in stärkerem Maße dem überkommenen Prestige des Generals zugute geschrieben werden. Die Stilisierung des RPF zum einzig verläßlichen Bollwerk gegen den Kommunismus muß auch instrumentell gesehen werden, als Versuch, über die 38 Prozent hinaus eine Mehrheit für die Etablierung eines neuen Regimes zu mobilisieren. Auch der Kampf gegen die Europäische Verteidigungsgemeinschaft in den frühen fünfziger Jahren hatte vorwiegend instrumentellen Charakter: Mit der Mobilisierung antideutscher Ressentiments sollte der Niedergang des RPF aufgehalten werden, der sich seit den 21 Prozent in den Parlamentswahlen vom Juni 1951 abzeichnete.

Diese Einwände betreffen jedoch nur Nebenaspekte der achtjährigen "Durchquerung der Wüste" der Opposition. In der Hauptsache ist Waechter durchaus zuzustimmen, wenn er die IV. Republik insofern als eine Parenthese bezeichnet, als der Prozeß der Erneuerung der Demokratie, der von der Résistance angestoßen worden war, unter den Bedingungen der doppelten Systemopposition von Gaullisten und Kommunisten nicht zum Abschluß gebracht werden konnte. Weite Bevölkerungskreise und wichtige Teile der politisch-kulturellen Eliten wollten eine anders geprägte Demokratie, als sie in der Verfassung der ungeliebten IV. Republik festgeschrieben war. Der Widerspruch löste sich erst auf, als de Gaulle mit breiter Unterstützung die Reformen ins Werk setzen konnte, die die Verfassung der V. Republik bestimmten.

Der Niedergang des RPF wird von Waechter zu Recht als Folge seines Mangels an sozialer und politischer Kohärenz erklärt: Nachdem es der Bewegung nicht gelungen war, den General kurzfristig wieder an die Macht zu bringen, wurde zunehmend unklar, wozu sie von Nutzen sein konnte. Die Konsolidierung der Republik, der wirtschaftliche Wiederaufbau, die Isolierung der Kommunisten und, wie hinzuzufügen wäre, das Scheitern der EVG taten ein übriges: De Gaulles Kassandrarufe hatten jetzt mit der Wirklichkeit nicht mehr viel zu tun. Daß sich der General danach im Mai 1958 gleichwohl erfolgreich als Retter in Szene setzen konnte, hatte er zum einem der nachträglichen Distanzierung vom RPF zu verdanken, zum anderen aber der wiederholten Beschwörung des Mythos vom einsamen Kriegshelden, der die Nation zur Befreiung von der deutschen Herrschaft geführt hatte. Jetzt war es mehr der Mythos de Gaulle, der Wirkung zeigte, als der Mythos des Gaullismus.

WILFRIED LOTH.

Matthias Waechter: Der Mythos des Gaullismus. Heldenkult, Geschichtspolitik und Ideologie 1940-1958. Wallstein Verlag, Göttingen 2006. 508 S., 46,- [Euro].

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