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: König Gustav der Helle

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Ohne den "Quelle"-Katalog lasse sich die deutsche Nachkriegsgeschichte nicht erzählen, meint Gregor Schöllgen. Der Erlangener Historiker beklagt sich, dass die Unternehmensgruppe Schickedanz in Studien zur alten Bundesrepublik nur eine marginale oder keine Rolle spiele. "Aber vielleicht wird gerade ...

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          Ohne den "Quelle"-Katalog lasse sich die deutsche Nachkriegsgeschichte nicht erzählen, meint Gregor Schöllgen. Der Erlangener Historiker beklagt sich, dass die Unternehmensgruppe Schickedanz in Studien zur alten Bundesrepublik nur eine marginale oder keine Rolle spiele. "Aber vielleicht wird gerade hier das eigentliche Erfolgsrezept des Mannes fassbar: Gustav Schickedanz und seine Quelle haben die Republik so konsequent, so nachhaltig und so diskret geprägt, dass keiner es gemerkt hat." Der "Quelle"-Katalog als historische Quelle für die Bonner Republik - das wäre ein tolles Thema gewesen. Doch der Auftrag von Madeleine Schickedanz, der jüngsten Tochter des Firmengründers, war bescheidener: ein Buch über das Leben des 1895 geborenen und 1977 verstorbenen Großkaufmanns.

          Der vielfach bewährte Biograph Schöllgen versteht es wieder einmal, seine Leser bestens zu unterhalten und allgemein verständlich zu informieren - trotz des hin und wieder spröden Stoffs über den rasanten Aufstieg und den tiefen Fall des Versandhauses. Doch der Mensch Schickedanz bleibt etwas blass, was bereits die Kapitelüberschriften andeuten: "Der Suchende" bis 1929, "Der Profiteur" bis 1938, "Der Durchhalter" bis 1949, "Der Revolutionär" bis 1957, "Der Preisbrecher" bis 1966 und "Der Patriarch". Immerhin erfährt man, dass er Bücher (besonders Baudelaire) liebte, Autographen (vor allem Hesse und Rilke) sammelte, die Natur (am meisten Schmetterlinge) bewunderte und durchaus luxuriös lebte (vermittelt durch Illustrierten-Zitate).

          Viel Interessantes tragen Schöllgen und seine Rechercheure zusammen über den Ausbau des Unternehmens und jene Zeitumstände, die "König Gustav" glänzend für sich nutzte. Das alles bewundert der Biograph. Nach kaufmännischer Lehre und einer sechsjährigen Militärdienstzeit gehörte Unterzahlmeister Schickedanz im Frühjahr 1919 dem Fürther Arbeiter- und Soldatenrat an. Als "plötzlich Leben und Perspektiven in das stupide Soldatendasein" kamen, wurde er zum "Revolutionär", zum ersten Mal in seinem Leben, aber nicht zum letzten Mal. Nach dem Militärdienst heiratete er 1919 Anna Babette Zehnder. Ende 1922 eröffnete er in Fürth eine Großhandlung für Kurz-, Weiß- und Wollwaren. 1924 kam Sohn Leo zur Welt, 1925 Tochter Louise. 1927 gründete er das "Versandhaus Quelle"; damit betrat er ein "in Deutschland noch wenig erschlossenes, insgesamt aber nicht unbekanntes Terrain". Bei einem tragischen Verkehrsunfall starben 1929 seine (das Fahrzeug steuernde) Frau, sein Sohn und sein 72 Jahre alter Vater. Er selbst erlitt schwere Verletzungen, nur Tochter Louise blieb unversehrt.

          Von der Weltwirtschaftskrise habe der Fürther Unternehmer eher profitiert; seine Herrenkomplettausstattung "ist äußerst knapp kalkuliert und selbst für den Arbeitslosen erschwinglich". Schickedanz trat schon im November 1932 der NSDAP bei und war von 1935 an Ratsherr in seiner Heimatstadt Fürth. Später gab er zu Protokoll, die "offen ausgesprochene Drohung", dass er "bei der Machtübernahme Hitlers als früheres Mitglied des ,berüchtigten' Arbeiter- und Soldatenrates verhaftet werden sollte", hätten ihn zu diesem Schritt veranlasst. Ludwig Erhard, nach dem Krieg kurz Wirtschaftsminister Bayerns, auch aus Fürth stammend und in den sechziger Jahren Bundeskanzler, urteilte 1946 scharf, aber zutreffend, es sei "ein gewisses Maß ,politischer Dummheit', Schwäche, vielleicht sogar Feigheit" gewesen, die Schickedanz zum Parteieintritt bewogen hätten, weil er sich dadurch "die wirtschaftliche Freizügigkeit sichern zu können glaubte".

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