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: Kein ehrlicher Makler

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Otto von Bismarck: Gesammelte Werke. Neue Friedrichsruher Ausgabe. Abteilung III: 1871-1898. Schriften. Band 2: 1874-1876. Bearbeitet von Rainer Bendick. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2005. 710 Seiten, 66,- [Euro].Die Formel vom "ehrlichen Makler, der das Geschäft wirklich zustande bringen will", ...

          Otto von Bismarck: Gesammelte Werke. Neue Friedrichsruher Ausgabe. Abteilung III: 1871-1898. Schriften. Band 2: 1874-1876. Bearbeitet von Rainer Bendick. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2005. 710 Seiten, 66,- [Euro].

          Die Formel vom "ehrlichen Makler, der das Geschäft wirklich zustande bringen will", ist nicht nur in den Zitatenschatz der Historiker eingegangen, sondern auch in die Schulbücher. Bis heute gilt die Ära Bismarck zwischen 1871 und 1890 als eine Zeit des Friedens, des Ausgleichs und der Saturiertheit. Otto von Bismarck, so der Tenor, gelang es, durch kluge Selbstbeschränkung das neu entstandene Deutsche Reich zum Faktor der Stabilität zu machen und den Albdruck der Koalitionen durch ein kunstvolles Bündnissystem zu neutralisieren.

          Wie windungsreich der Weg dorthin verlief, ja wie wenig diese Sicht der Dinge mit dem tatsächlichen Gang der Politik in den siebziger Jahren übereinstimmt, das belegen die in dem zweiten Band der Neuen Friedrichsruher Ausgabe (NFA) zusammengetragenen 466 Dokumente. Mit einer vorzüglichen und instruktiven Einleitung ausgestattet, versammeln sie alle wichtigen politischen Schriftstücke Bismarcks beziehungsweise seiner engsten Mitarbeiter in der Periode vom beginnenden "Kulturkampf" 1874 bis zur "Doktorfrage" aus Livadia Ende 1876, als in Rußland die Entscheidung gefallen war, im Zuge der ersten Orientkrise gegen die Türkei zu Felde zu ziehen und dafür den Beistand des Deutschen Reiches einzufordern.

          "Wenn wir der russischen Politik Bedingungen stellen", so umriß Bismarck am 16. September 1876 die deutschen Gegenforderungen, "so müßten dieselben unmittelbaren deutschen Interessen entsprechen, also in erster Linie etwa Garantie Rußlands für Elsaß-Lothringen resp. für die Annexion von 1866, und definitive Begrabung der Schleswigschen Frage. Wenn wir das erreichen, so liegt darin eine Bürgschaft für die Zukunft, für die wir in Gegen-Konzessionen sehr weit gehen können." Dieses erstmals publizierte Dokument aus den Beständen des Politischen Archivs des Auswärtigen Amts macht deutlich, worum es Bismarck in diesen Jahren ging: das revanchebereite Frankreich durch ein, wie er sagte, Bündnis "durch dick und dünn" mit Rußland zu zähmen und auf dem Kontinent eine Zweierhegemonie zu errichten. Mit einer defensiven Status-quo-Sicherung hatte dies wenig zu tun. Die Perspektive eines deutsch-russischen Kondominiums implizierte nicht nur die Frontstellung zu Frankreich und England. Sie lief auch auf die Opferung der österreichischen Interessen im Balkanraum hinaus. Denn als deutsche Gegenleistung für den Verzicht Rußlands, die Karte Frankreich weiterhin im Spiel zu halten, kam nach Lage der Dinge nur in Betracht, diesem das Osmanische Reich als Penetrationssphäre zu überlassen.

          Die Kontinuität dieser Ausgleichsversuche zu deutschen Bedingungen belegen die Dokumente seit dem Frühjahr 1875. Damals hatte Bismarck, umgetrieben von Umstellungsphobien, seinen Vertrauten von Radowitz als Sondergesandten nach Petersburg geschickt. Radowitz, eingeweiht "in die gesamten Verzweigungen unserer Politik", sollte die "fehlende Reziprozität" im Verhältnis zu Rußland herstellen; und zwar dort, "von wo die Kriegsgefahr Europa bedrohe, im Westen". Das war die Vorstufe zur säbelrasselnden Politik der Präventivkriegsdrohungen im April/Mai 1875 gegen Frankreich in der "Krieg in Sicht"-Krise. Tatsächlich ging es Bismarck nicht um die Entfesselung eines heißen Krieges. Die gegen Frankreich gerichteten Kanonen sollten in Wahrheit gar nicht losgehen. Sie sollten Frankreich auf Dauer einschüchtern, und vor allem: Sie sollten den Boden bereiten für eine deutsche Dominanz im Westen und eine russische im Osten Europas. Die gemeinsame Intervention der Russen und der Engländer in Berlin, die auf eine Bestandsgarantie des Faktors Frankreich hinauslief, bedeutete zwar ein Scheitern der deutschen Offensive, aber eben nicht den Abschied vom Gedanken der Zweierhegemonie, der im Herbst 1876 eine Renaissance erfuhr.

          Wie rigide Bismarck in diesen Jahren zu Werke ging, stellen zahlreiche andere Schriftstücke heraus. Den deutschen Botschafter Graf Arnim brachte er hinter Gitter, weil dieser einer monarchischen Restauration im republikanischen Frankreich das Wort redete. Mit dem Chef der Admiralität, Stosch, ergab sich ein Dauerkonflikt, in dem es nicht nur um die Wahrung des Primats der Politik gegenüber dem Militär ging. Und selbst Botschafter von Schweinitz blieb nicht von Unterstellungen verschont, ein "Knecht der Ultramontanen" zu sein. Besonders in der Frage des "Kulturkampfes" zeigen die Quellenstücke die enge Verzahnung von Innen- und Außenpolitik in Bismarcks politischem Handeln als Reichskanzler, Außenminister und preußischer Ministerpräsident. Eine "Präventivjustiz", die schon die Planung von Verbrechen ahndete, war die Folge "katholisch motivierter" Attentate. Auf Italien, Frankreich, Belgien und Österreich-Ungarn wurde Druck ausgeübt, sich dem Kampf gegen die katholische Kirche anzuschließen - und die "ultramontane Gefahr" wurde, ebenso wie die sozialistisch-republikanische, zum Instrument der Außenpolitik.

          RAINER F. SCHMIDT

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