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: Kampf um Sowjetdeutschland

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          Tânia Puschnerat: Clara Zetkin. Bürgerlichkeit und Marxismus. Klartext Verlag, Essen 2003. 463 Seiten, 29,80 [Euro].

          Bernhard H. Bayerlein/Leonid G. Babicenko/Fridrich I. Firsov/Aleksandr J. Vatlin (Herausgeber): Deutscher Oktober 1923. Ein Revolutionsplan und sein Scheitern. Aufbau-Verlag, Berlin 2003. 479 Seiten, 40,- [Euro].

          Otto Wenzel: 1923. Die gescheiterte Deutsche Oktoberrevolution. LIT Verlag, Münster 2003. 374 Seiten, 35,90 [Euro].

          Fotografien des ordengeschmückten Leichnams der deutschen Kommunistin beherrschten am 22. Juni 1933 die Titelseiten der sowjetischen Zeitungen. Hunderttausende fanden sich auf dem Roten Platz in Moskau ein, um Clara Zetkin das letzte Geleit zu geben. Josef Stalin und Wjatscheslaw Molotow trugen gemeinsam die Urne mit den sterblichen Überresten zur Grabstätte an die Kremlmauer. Johannes R. Becher schrieb ein Gedicht, das während der pompösen Beisetzungszeremonie rezitiert wurde: "Es starb unsere Genossin Clara / und in dem Zimmer, in dem sie starb, hing / an der Wand das Bild des Genossen Lenin / Und Genosse Lenin sah ihr in die weithinsehenden sterbenden Augen / Und sah aus ihrem Zimmer über die glühenden / Ebenen und Birkenwälder hinaus / Und sah in ihren weithinsehenden / sterbenden Augen / Sowjetdeutschland." Doch in Deutschland war zu dieser Zeit bereits der totalitäre Widerpart des Kommunismus zur Macht gelangt. Nach dessen Ende sorgten die aus Moskau heimkehrenden kommunistischen Emigranten in einem Teil Deutschlands dafür, daß so etwas ähnliches wie "Sowjetdeutschland" entstand und Johannes R. Becher trug als Kulturminister der DDR seinen Teil zum ausufernden Zetkin-Kult im ostdeutschen Teilstaat bei.

          Der Sowjetstaat habe bewiesen, "wie eine Höherentwicklung der Gesellschaft ohne verwüstende Krisen erfolgen kann", hatte Clara Zetkin am 30. August 1932 in ihrer Rede zur Eröffnung des neu gewählten Reichstages als Alterspräsidentin erklärt und ausgerufen, sie hoffe noch "das Glück zu erleben, als Alterspräsidentin den ersten Rätekongreß Sowjetdeutschlands zu eröffnen". Tânia Puschnerat interpretiert diesen letzten Auftritt vor dem deutschen Reichstag als einen Akt des Gehorsams gegenüber den offiziellen Parteilosungen. Die Kommunistische Internationale, deren Führungsgremium Zetkin seit den frühen zwanziger Jahren angehörte, hatte kurz zuvor der KPD die Perspektive des Kampfes "für ein sozialistisches Sowjet-Deutschland" ins Programm diktiert. Zetkins "letzte Lebenslüge", ihr Glauben an eine ideale Masse - "aktiv, einig, willenstark, opferfreudig, leidensbereit und tugendhaft-diszipliniert" - hatte sich mit den Reichstagswahlen im Sommer 1932 endgültig erledigt. Die NSDAP erhöhte ihren Stimmenanteil von 18,5 auf 36,2 Prozent und erhielt mehr Sitze im Reichstag als KPD und SPD zusammen. Zetkin wollte, wie die erste Fassung ihres Redemanuskripts belegt, zur Reichstagseröffnung die "Passivität der Massen" beklagen. Ihre strenggläubige kommunistische Schwiegertochter strich jedoch diese Passage. "Lodernde Flammenzeichen" aus dem Ausland, "Streiks und Aufstände in den verschiedensten Ländern" sollten statt dessen "den Kämpfenden in Deutschland zeigen, daß sie nicht alleinstehen". Tânia Puschnerat liest aus Zetkins Denken und Reden ein "Weltschöpfungsbedürfnis" heraus, einen "ausgeprägten Idealismus und Voluntarismus", der durch "das große weltanschauliche Erlösungskonzept" des Marxismus-Leninismus mit einer "quasireligiösen Orthodoxie" aufgeladen ist.

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