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: Kampf um das Weiße Haus

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Der Autor dieser Streitschrift ist ein bekannter amerikanischer Journalist, der es besonders 1996 zu nationaler Berühmtheit brachte, als er mitten im Präsidentschaftswahlkampf anonym ein skandalträchtiges Enthüllungsbuch über Bill und Hillary Clinton veröffentlichte - einen Seitensprung Hillarys eingeschlossen.

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          Der Autor dieser Streitschrift ist ein bekannter amerikanischer Journalist, der es besonders 1996 zu nationaler Berühmtheit brachte, als er mitten im Präsidentschaftswahlkampf anonym ein skandalträchtiges Enthüllungsbuch über Bill und Hillary Clinton veröffentlichte - einen Seitensprung Hillarys eingeschlossen. Mit seiner neuen Publikation greift Klein die Vermarktungsindustrie amerikanischer Politik an, ein Milieu, in dem er sich offensichtlich persönlich bestens auskennt. Seit dem Präsidentschaftswahlkampf von Jimmy Carter 1976 werde, so die Hauptthese, die amerikanische Demokratie zunehmend durch diese Industrie ruiniert, durch Demoskopen, Wahlkampfstrategen, Imageberater, Redenschreiber und "Spin Doctors", die der "Botschaft" eines Politikers einen gewissen, für ihn positiven "Dreh" geben sollen. Diese Industrie stützt sich auf immer verfeinerte Umfragetechniken, Gruppeninterviews, Austüfteln neuer Zielgruppen, elektronische Post und Telefonumfragen. Ziel solcher Demoskopie sei es nicht, den Wählerwillen festzustellen, sondern ihn aktiv zu verändern, ja zu manipulieren. Sie produziert laut Klein "Bananenschalen-Worte", glattgeschliffene Formulierungen, die dem politischen Gegner keine Angriffsfläche mehr bieten. Sie verkaufen keine realen Politiker und keine realen politischen Programme, sondern marktgetestete Kunstprodukte, die auf die Wirkung von Emotionen, Bildern, Slogans und Fiktionen, zunehmend auch auf Verunglimpfung und persönliche Attacken (negative campaigning) setzen.

          Die Entwicklung hat sich nach Klein parallel zum Aufstieg des Fernsehens vollzogen. In den Wahlkampagnen gehe es kaum noch um Inhalte, sondern um das Bild, die Form, nichtssagende und damit nicht angreifbare Slogans - zum Beispiel Hoffnung gegen Erfahrung - und den schönen Schein des öffentlichen Auftritts. Der Wahlkampf werde dadurch nicht zum Wettstreit der Politiker, sondern ihrer Trainer. Ausgangspunkt sei die marktgetestete Hypothese, dass der Wähler grundsätzlich denkfaul sei. Er müsse mit Emotionalität, Wettstreit und Show unterhalten werden. Mit der Realität habe das nichts mehr zu tun. Klein erinnert an eine Politikkomödie Warren Beattys, in der ein Senator beschließt, aus dem Leben zu scheiden, nachdem er die Fernsehwerbung für seine Wiederwahl gesehen hat. Die Jeremiade Kleins ist eingebunden in eine bruchstückhafte Erzählung über den wachsenden Einfluss dieser Industrie auf die Wahlkämpfe von Siegern wie Jimmy Carter, Ronald Reagan, George H. W. Bush, Bill Clinton und George W. Bush, aber auch auf einige Verlierer wie etwa George McGovern, Michael Dukakis, Al Gore oder John Kerry.

          Der Einfluss bleibt nicht ohne Konsequenzen, wie Klein zeigt. So habe es unter Präsident Reagan ein einziger Imageberater fast im Alleingang geschafft, das Wort "liberal" bei der Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung in Verruf zu bringen. Newt Gingrichs berühmter "Vertrag für Amerika" aus dem Jahre 1994, mit dem eine konservative Revolution eingeleitet werden sollte, war Satz für Satz in Fokusgruppen vorgetestet worden. Al Gore wurde es von seinen Beratern im Wahlkampf 2000 gegen George W. Bush strikt untersagt, über sein Lebensthema, die Rettung des Planeten, überhaupt zu reden. Schließlich George W. Bush: Seinen Beratern gelang es, sowohl John McCain als auch John Kerry mit fiesen Negativ-Kampagnen zu diskreditieren. Anschließend verbrauchte er mehr Energien, um den Krieg gegen den Irak medial zu verkaufen, als um ihn zu gewinnen. Oder ein anderer Fall: Um herauszufinden, welche Position zur Abtreibungsfrage bei den Wählern "ankommen" würde, wurden ausgewählten Testgruppen zehn Alternativen vorgelegt. Der Gewinner war die Aussage: "Eine Frau sollte über die Abtreibung selbst entscheiden, nach Beratung mit ihrem Arzt und Priester."

          Das Buch von Klein ist durch geschwätzige Längen und Übertreibungen gekennzeichnet. Viele Anspielungen wird der deutsche Leser nicht verstehen. Dennoch lohnt sich seine Lektüre, weil es den Finger auf eines der großen Strukturprobleme moderner Demokratien legt, nämlich auf die Aushöhlung des sach- und problemorientierten politischen Diskurses durch das Bild einerseits, einen sprechblasengetriebenen "Wortmaskenkostümverleih" (Karl Kraus) andererseits. Amerikaner und Europäer scheinen sich an diese manipulierte Normalität gewöhnt zu haben. Nur so kann man auch erklären, warum eine überraschend substantielle und realitätsnahe Rede von Barak Obama zur Rassenfrage auf beiden Seiten des Atlantiks als Sensation empfunden wird. Allerdings darf man nur hoffen, dass diese Rede von ihm selbst geschrieben wurde.

          DETLEF JUNKER

          Joe Klein: Vom Ende der Politik. Wie Meinungsforscher und Wahlkampfstrategen die Demokratie ruinieren. Propyläen Verlag, Berlin 2008. 304 S., 22,90 [Euro].

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