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: Japan und der Antisemitismus

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Verfolgt wurden die Juden schon im Reich des Tenno, vor allem die jüdischen deutschen Emigranten auf Druck aus Berlin hin, doch sie wurden nicht ermordet. Etwa 8000 staatenlose Juden erlebten am 15. August l945, als Kaiser Hirohito den Waffenstillstand im Rundfunk bekanntgab, ihre Befreiung aus dem im Februar l943 in Schanghai geschaffenen Getto.

          Verfolgt wurden die Juden schon im Reich des Tenno, vor allem die jüdischen deutschen Emigranten auf Druck aus Berlin hin, doch sie wurden nicht ermordet. Etwa 8000 staatenlose Juden erlebten am 15. August l945, als Kaiser Hirohito den Waffenstillstand im Rundfunk bekanntgab, ihre Befreiung aus dem im Februar l943 in Schanghai geschaffenen Getto. Die Behandlung durch die Japaner "war nie gut, aber auch nie mörderisch", wie Michael Blumenthal, der Leiter des jüdischen Historischen Museums in Berlin, im Vorwort bemerkt. Er war 1939 als Dreizehnjähriger mit seinen Eltern in die internationale Hafenstadt geflohen, in der Flüchtlinge kein Visum benötigten. Heinz Eberhard Maul verfolgt das überaus lohnenswerte Ziel, anhand japanischer Akten die Judenpolitik Japans aufzuhellen, gibt jedoch seine Quellen nicht preis und verzichtet überhaupt auf sämtliche Belege. Dessen ungeachtet vermag er mit einer Reihe neuer, sicherlich glaubwürdiger Fakten und neuen Erklärungen aufzuwarten.

          Die Eigenart des durchaus im Tennoreich vorhandenen Antisemitismus lag darin, dass diesem die originäre christliche Komponente fehlte und er folglich ein Importprodukt war. Wie Deutschland für den japanischen Modernisierungsprozess in vielerlei Hinsicht, vom Militär bis zum Hochschulwesen, ein Vorbild darstellte, so übernahmen die Japaner auch das antisemitische Schrifttum und japanisierten es gewissermaßen. Allein zwischen 1933 und 1945 erschienen 800 antisemitsche Schriften in Japan. Die von Alfred Rosenberg aus seiner baltischen Heimat mitgebrachten "Protokolle der Weisen von Zion", vermutlich ein Konstrukt der zaristischen Geheimpolizei zur Rechtfertigung von Pogromen, hatten schon Hitler seine grundlegenden Ideen vermittelt und ebenso die Japaner - die Protokolle wurden 1927 übersetzt - von der Gefahr einer sogenannten jüdischen Weltverschwörung überzeugt. Doch der westliche Antisemitismus erschien den traditionellen Eliten des Kaiserreichs nicht als japantauglich. Stattdessen sollten die Juden in das japanische Pazifizierungskonzept der acht Ecken der Welt unter einem Dach integriert und ihr Kapital dem Aufbau Großostasiens nutzbar gemacht werden. Schließlich war es in Japan nicht vergessen worden, dass einst ein 50-Millionen-Dollar-Kredit des New Yorker Bankhauses Kuhn, Loeb & Co. den japanischen Sieg über Russland (1904/05) erst ermöglicht hatte. Neben dieses Gefühl der Dankbarkeit traten pragmatische Überlegungen, die kapitalkräftige, meist russische Judenschaft in der Mandschurei im Krieg gegen das für kommunistisch unterwandert erklärte China einzuspannen. Die russischen Juden wurden von der späteren Gettoisierung auch ausgenommen.

          Zudem bestanden nach 1933 sogar Gemeinsamkeiten in der "Rassenfrage". Galten doch Japaner und Juden gleichermaßen im nationalsozialistischen Deutschland nicht als Arier. Erst die Nürnberger Gesetze schufen zumindest aus japanischer Sicht eine gewisse Klarheit, so dass noch im September 1935 auf japanische Initiative hin Bündnisverhandlungen aufgenommen wurden, die über den Antikominternpakt (1936) in den Dreimächtepakt (1940) führten. Die nach der "Reichspogromnacht" l938 in den japanischen Machtbereich entweichenden deutschen und, ab Kriegsbeginn, auch polnischen Juden gerieten mit zunehmender Festigung der deutsch-japanischen Allianz in deren Abhängigkeit. Nach dem Abschluss des Militärbündnisses von 1940 zeigten sich die Japaner immer geneigter, deutschen Forderungen nach Segregation jüdisch-deutscher Emigranten nachzukommen.

          Mit der Ernennung des "Schlächters von Warschau", des dortigen Gestapo-Chefs Alfred Meisinger, zum Polizeiattaché an die deutsche Botschaft in Tokio im April 1940 drohte nun auch den staatenlosen Juden in Schanghai Gefahr. Im Juli 1942, als die Kriegslage auf einen möglichen Sieg der "Achsenmächte" hindeutete, wurden Pläne einer raschen Vernichtung der Schanghaier Juden auf japanischer Seite diskutiert. Diese scheiterten jedoch kaum an der Charakterfestigkeit einiger Japaner und ihrem Drang zur Harmonie, so die zentrale Aussage von Maul, sondern an der sich bald rapide verschlechternden Kriegslage. Nach Stalingrad verweigerten sich die Japaner endgültig einer Teilnahme am Krieg gegen die Sowjetunion, gettoisierten aber als kleines Entgegenkommen an Berlin die Schanghaier Juden und rührten fortan die antisemitische Propagandatrommel noch kräftiger. In Anbetracht des japanischen Völkermords in China hätten die japanischen Militärs keine Skrupel gehabt, einige tausend jüdische Flüchtlinge zu ermorden. Nicht japanischer Edelmut, sondern der Ausgang des Krieges rettete die Juden in Schanghai.

          BERND MARTIN.

          Heinz Eberhard Maul: Warum Japan keine Juden verfolgte. Die Judenpolitik des Kaiserreiches Japan während der Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945). Iudicium Verlag, München 2007. 195 S., 18,- [Euro].

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