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: Iskandars Reise zu Franz Kafka

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Iskandar heißt eigentlich Aref mit Vornamen. Doch dass sich der Autor für seine Autobiographie mit einem Alias-Namen als Iskandar Faris bezeichnet, hat einen guten Grund: Iskandar ist die arabisch-muslimische Form für Alexander (den Großen). Und wie dieser nach Osten zog, um neue, fremde Welten zu ...

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          Iskandar heißt eigentlich Aref mit Vornamen. Doch dass sich der Autor für seine Autobiographie mit einem Alias-Namen als Iskandar Faris bezeichnet, hat einen guten Grund: Iskandar ist die arabisch-muslimische Form für Alexander (den Großen). Und wie dieser nach Osten zog, um neue, fremde Welten zu entdecken, so brach auch Aref Hajjaj (gesprochen Haddschadsch) vor vielen Jahren nach Westen auf. Allerdings nicht als Eroberer, sondern im weitesten Sinne auf der Flucht und auf der friedlichen Suche nach Bildung, einem Auskommen und neuer Identität.

          Zu einer Zeit, da Deutschland über Integration, Assimilation und "Leitkultur" debattiert, kommen die Lebenserinnerungen von Aref Hajjaj gerade recht. Lebendig und in einem Deutsch, das manchem deutschen Muttersprachler gut anstünde (Setzfehler sollten in einer 2. Auflage beseitigt werden), erzählt er von seinem außergewöhnlichen Lebensweg.

          Im Jahre 1943 in Jaffa zur Zeit des britischen Mandats über Palästina geboren und 1948 als Folge der Staatsgründung Israels und des ersten arabisch-israelischen Krieges seiner Heimat verlustig gegangen, verbrachte Aref Hajjaj einen großen Teil seiner Jugend in der palästinensischen Diaspora: in Beirut und Kuweit. Im Jahre 1961 kam er zum Studium nach Deutschland, zuerst an das Goethe-Institut nach Iserlohn, dann an die altehrwürdige Universität von Heidelberg. Es war die Zeit, da auch die ersten "Gastarbeiter" in Deutschland eintrafen. Der Student der Politikwissenschaft, des Völkerrechts und der Geschichte genoss das akademische Leben am Neckar, erfuhr jedoch zu jener Zeit auch, wie sehr man die Palästinenser - die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) war gerade gegründet worden - dämonisierte. Er promovierte und wurde anschließend, seit 1972, für viele Jahrzehnte als Dolmetscher und Übersetzer im Auswärtigen Amt (AA) tätig.

          Eine Erfolgsgeschichte also, ohne Zweifel. Und doch ein schwieriger Weg zu bürgerlicher Integration in der Bundesrepublik, der mit mancherlei Hindernissen gepflastert war; denn auch auf intellektuell höherer Ebene gibt es sowohl negative als auch positive Stereotype, mit denen sich ein "Mann aus Arabien" auseinanderzusetzen hat. In der beruflichen, durchaus von persönlichem Erfolg bestimmten Innenwelt des Außenamtes, doch auch in der Öffentlichkeit begab sich so manches, was der Autor bis heute als durchaus "kafkaesk" empfindet. Dies reicht von einer korrekten Politsprache, bei deren Verwendung der Palästinenser noch vorsichtiger sein muss als andere, bis hin zu Kontrollen und einem gewissen Argwohn gegenüber einem Palästinenser wegen seiner persönlichen oder auch berufsbedingten Kontakte zu anderen Palästinensern (damals von der PLO), den Saudi-Arabern oder gar zum libyschen Botschafter. In Zeiten des Terrors - damals noch weniger religiös verbrämt - eine nicht immer einfache Situation. Da wurde Iskandar/Aref sogar einmal vom Geheimdienst verhört und Gegenstand einer Debatte im Deutschen Bundestag zu Bonn; während sie lief, saß er selbst auf der Tribüne und hörte zu.

          Sprache interessierte den Autor, den zu treffen auch der Rezensent auf Auslandsreisen mit deutschen Ministern die Ehre hatte, nicht allein aus beruflichen Gründen; bis heute lieben Araber ihre so außergewöhnliche, im Wortschatz besonders reiche und auch schöpferische Sprache über alles und ziehen Vergleiche mit anderen Sprachen, besonders europäischen. Der Autor konnte im Laufe seiner Berufsjahre erleben, wie das Arabische - zunächst als exotische Erscheinung wahrgenommen - schließlich den Rang gewann, der ihm gebührt. Hajjaj berichtet auch über Freundschaften und Kontakte zu gebildeten Deutschen, die ihn bereicherten, aber hier und da auch zu Irritationen auf beiden Seiten führten. Da reichten aufgrund der unterschiedlichen kulturellen und religiösen Herkunft oft Geringfügigkeiten, nicht nur im beruflichen, sondern auch im privaten Umfeld. Die Ehe, die "Iskandar" mit einer Schweizerin aus dem Tessin einging, bot da ersten Anschauungsunterricht. Freilich belässt es der Selbstbiograph nicht nur dabei, die Fremde als "sauber", "wohlgeordnet", "aber kalt" zu beschreiben, die "Gastgeber" wie den Westen - zumal nach dem "11. September" - wegen mancher Schikanen zu kritisieren; er geht auch mit den "Orientalen" heftig ins Gericht. Ob Araber oder Perser - mit deren gebetsmühlenartig vorgebrachten Verschwörungstheorien gegen den Westen kann er nichts anfangen.

          Man beendet die Lektüre in dem Bewusstsein, dass der Name "Iskandar" für einen Menschen (und Autor) steht, der in Deutschland schon lange angekommen ist, ja mehr als das - und der dennoch, trotz des nicht zu leugnenden Integrationserfolges und einer beachtlichen Karriere, immer noch vor einem ungelösten Identitätsproblem steht, wie es in dieser Form eben nur seinem Volk auf den Nägeln brennt: Denn bis heute haben die Palästinenser, anders als die Juden, noch keine nationale Heimstätte.

          WOLFGANG GÜNTER LERCH

          Aref Hajjaj: Angekommen in Deutschland. Der Preis der Integration, LitVerlag, Berlin 2010, 138 Seiten, 24,90 Euro.

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