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Integration : Assimilation ist gar nicht so dumm

  • -Aktualisiert am

Bild: picture-alliance / Markus Redman

Die einen haben Angst vor dem Vorwurf, lauter kleine Sarrazins zu sein. Die anderen haben Angst davor, nicht liberal genug zu sein. Berthold Löffler kommt deshalb zu dem Schluss: Die deutsche Integrationspolitik treibt orientierungslos vor sich hin.

          Alle reden von Integration, aber jeder versteht etwas anderes darunter. Tatsächlich könnte man meinen, der integrationspolitische Konsens in der Bundesrepublik erschöpfe sich weitgehend in der Verwendung eben jenes Begriffes. So stellt es der an der Hochschule Ravensburg-Weingarten lehrende Politikwissenschaftler Berthold Löffler zu Beginn seines Buches ironisch fest. Anschließend aber wird diese Wahrnehmung von ihm selbst überzeugend in Frage gestellt.

          Die integrationspolitischen Vorstellungen und Leitbilder, um die in der Öffentlichkeit und zwischen den Parteien gerungen wird, fallen nach Löffler weit auseinander. Das gelte aber nicht für die praktische Politik. Aus der Uneinigkeit über die Ziele habe sie die einvernehmliche Konsequenz gezogen, auf eine bewusste politische Steuerung zu verzichten und das Integrationsgeschehen gleichsam treiben zu lassen. Der Autor bezeichnet diese stillschweigende Übereinkunft als „Politik des faktischen Multikulturalismus“.

          Löffler unterscheidet zwischen einem strukturellen und einem kulturellen Begriff der Integration. Strukturelle Integration sei gegeben, wenn die Einwanderer in das wirtschaftliche, soziale und politische Leben der Aufnahmegesellschaft äußerlich eingegliedert sind, kulturelle Integration, wenn sie auch deren Lebensweise und Werte internalisiert haben. Assimilation und Multikulturalismus bilden die beiden Pole in diesem Spektrum.

          Während das assimilatorische Integrationsverständnis davon ausgeht, dass sich die Einwanderer auch in kultureller Hinsicht der Mehrheitsgesellschaft anzupassen haben, sieht die multikulturalistische Position das Heil in der Anerkennung kultureller Vielfalt. Sie geht auf den kanadischen Sozialphilosophen Charles Taylor zurück und strebt eine möglichst ausgewogene Balance von farbenblinden Individualrechten und kulturellen Gruppenrechten an.

          Der faktische Multikulturalismus gibt sich nicht leicht zu erkennen. Einerseits verdeckt ihn eine politische Rhetorik, die sich im Mitte-Rechts-Lager, aber auch im linken Lager von „Multikulti“ scharf abgrenzt. Ein Beispiel dafür ist die im Jahre 2000 vom damaligen CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Friedrich Merz angestoßene Leitkulturdebatte. Andererseits könne, so Löffler, von einer flächendeckenden multikulturellen Gesellschaft hierzulande noch keine Rede sein. Das werde sich - wie in den Großstädten schon heute sichtbar - im Zuge der demographischen Entwicklung jedoch ändern.

          Der Autor macht aus seiner normativen Präferenz für die assimilatorische Position keinen Hehl. Dass er sich dabei vom apokalyptischen Tonfall eines Thilo Sarrazin abhebt (dessen Streitschrift und die sich daran anschließende Debatte in dem Buch nicht mehr berücksichtigt werden konnten), verleiht den Argumenten umso mehr Gewicht.

          Indem es die Unterschiede zwischen Eingesessenen und Einwanderern einebnet, reduziert das Assimilationsmodell die gesellschaftlichen Konflikte und fördert es die soziale und demokratische Gleichheit. Wenn Assimilation allerdings mit Zwangsmitteln arbeitet und Menschen- und Grundrechte der Einwanderer verletzt, versagt das Modell. Es sei deshalb eine Illusion zu glauben, schreibt Löffler, dass für den Großteil der Einwanderer in Deutschland - nämlich aus dem islamischen Kulturkreis - die Assimilation zum Leitbild ihrer Integration werden könne. Ein Grund sei die Religionsfreiheit.

          Das hält ihn allerdings nicht davon ab, zwei Dinge vehement zu kritisieren: das Zurückweichen der Mehrheitsgesellschaft vor ihren eigenen kulturellen Traditionen und die Kluft zwischen der Rhetorik der „wechselseitigen“ Bereicherung und tatsächlichen Tendenzen einer gesellschaftlichen Segregation. Wie sehr es unter der Konsensdecke des faktischen Multikulturalismus brodelt, hat die Sarrazin-Debatte im vergangenen Sommer gezeigt.

          Politiker oder Kommentatoren tun sich deshalb keinen Gefallen, wenn sie alle Einlassungen, die diesen Konsens aufbrechen oder in Frage stellen könnten, reflexhaft mit dem Verdacht auf Rechtspopulismus belegen. Das Unbehagen gegenüber der in dem Buch vertretenen assimilatorischen Grundposition rührt ja daher, dass eine Politik, die den Anpassungsdruck auf die Einwandererbevölkerung erhöht, womöglich Unfrieden stiftet und damit zumindest kurzfristig konfliktverschärfend wirkt. Mittel- und langfristig betrachtet - so der Autor - sei es jedoch gerade der liberale Multikulturalismus, der die Konflikte schüre und einen Kampf um die kulturelle Hegemonie in der Gesellschaft erst heraufbeschwöre.

          Die Pointe könnte sein, dass am Ende beide Seiten Recht behalten. Sowenig Erfolg eine Politik verspricht, die die Entwicklung mehr oder weniger sich selbst überlässt, weil sie auf Integrationsmaßnahmen verzichtet, so unplausibel erscheint die Erwartung, dass die in der multikulturellen Gesellschaft angelegten Konflikte zwangsläufig ausarten müssen und nicht friedlich-schiedlich ausgetragen werden können.

          Die These, wonach das Land in der Integrationspolitik am „Scheideweg“ steht, erscheint insofern überdramatisiert. Sie steht am Ende eines klar argumentierenden und zudem gut lesbaren Buches, das auch denjenigen zu einem besseren Verständnis des Integrationsthemas verhelfen dürfte, die die darin formulierte Kritik am „faktischen Multikulturalismus“ nicht teilen.

          Berthold Löffler: Integration in Deutschland. Zwischen Assimilation und Multikulturalismus. Verlag R. Oldenbourg, München 2011. 396 Seiten, 29,80 Euro.

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