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: Ins bessere Deutschland?

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Die Übersiedlung Westdeutscher in den ostdeutschen Arbeiter-und-Bauern-Staat fand in der Bonner Republik kaum Aufmerksamkeit, wenn man von einschlägigen Statistiken absieht. Doch es gab nicht nur Zuzüge aus der DDR in die Bundesrepublik zwischen 1950 und 1990, sondern auch Fortzüge in die DDR, die ...

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          Die Übersiedlung Westdeutscher in den ostdeutschen Arbeiter-und-Bauern-Staat fand in der Bonner Republik kaum Aufmerksamkeit, wenn man von einschlägigen Statistiken absieht. Doch es gab nicht nur Zuzüge aus der DDR in die Bundesrepublik zwischen 1950 und 1990, sondern auch Fortzüge in die DDR, die Bernd Stöver unter dem Begriff "innerdeutsche Migrationen" subsumiert. 1950 wurden 302 808 Zuzüge und 39 989 Fortzüge registriert, im Rekordjahr 1953 immerhin 518 874 gegenüber 22 094, im Mauerbaujahr 1961 dann 236 390 gegenüber 19 711, im Tiefstandjahr 1983 noch 13 400 zu 1344. Für den Zeitraum bis September 1990 stellt Stöver 5 213 393 Übertritte und Fluchten in ostwestlicher Richtung den 499 834 Umzügen in westöstlicher Richtung gegenüber.

          Allein für die Ära Ulbricht könne man von mindestens 475 000 und höchstens 646 000 Personen ausgehen. Bis zur Öffnung der Mauer 1989 waren es zwischen 1200 und 2500 pro Jahr. Die DDR rechnete zu ihren Gunsten großzügig. Erfasst wurde "jeder, ohne Rücksicht darauf, ob er sich lange in der DDR aufhielt, gleich in die Bundesrepublik zurückkehrte oder sogar mehrfach die Seite wechselte". In der dezentral geführten Wanderungsstatistik sei es zu Mehrfachzählungen gekommen, weil unterschiedliche Dienststellen dieselbe Person als DDR-Übersiedler vermerkten. Darüber hinaus fanden keine Korrekturen statt, wenn "Auswanderer" aus eigenem Entschluss wieder zurückkehrten oder abgeschoben wurden.

          Generell war eine Änderung der fehlerhaften Statistiken im Kalten Krieg von keiner Seite gewollt: "Im deutsch-deutschen Sonderkonflikt war die Information, wie viele Personen in die DDR kamen, für jede Seite ein schlagkräftiges Argument im Propagandaduell des Kalten Krieges." Für eine halbe Million Menschen aus der Bundesrepublik habe die DDR eine gewisse Anziehungskraft gehabt. Ob hier die Faszination des Kommunismus oder viel profanere, ja unpolitische Motive im Vordergrund standen, will Stöver herausfinden und stützt sich dabei auf lange Zeit gesperrte Personal- und Prozessakten sowie auf Geheimdienstunterlagen.

          Im Hauptteil beleuchtet er gekonnt neun prominente Übersiedlerbiographien, darunter den CDU-Politiker und stellvertretenden niedersächsischen Ministerpräsidenten Günther Gereke, der auf eigene Faust Wiedervereinigungspolitik betrieb. Er flog 1950 aus der CDU und aus dem Ministeramt und sah die DDR als "Fluchtburg" an. Doch bei aller Freude über diesen Fang speiste das Ulbricht-Regime den früheren Gutsbesitzer mit dem belanglosen Posten eines Präsidenten der "Zentralstelle für Zucht- und Leistungsprüfung der Vollblut- und Traberpferde" ab. Verfassungsschutz-Präsident Otto John sei - so Stöver - am 20. Juli 1954 freiwillig nach Ost-Berlin gekommen, aber unfreiwillig in der DDR geblieben bis Ende 1955. Dem Umfeld des Widerstandes gegen Hitler 1943/44 angehörend, habe er über "gemeinsame Maßnahmen gegen Nazis in Westdeutschland" Gespräche mit dem Osten führen wollen. Alle Indizien sprächen dagegen, dass John entführt worden sei. Ein erhebliches Maß an Naivität sei im Spiel gewesen; außerdem habe ihn wohl der vom SED-Regime propagierte "Antifaschismus" beeindruckt.

          Die Bundeswehroffiziere Bruno Winzer und Adam von Gliga sahen 1960 in der DDR einen "Rettungsanker" für persönliche Probleme; sie nutzten der SED-Propaganda bei der Kampagne gegen die - angeblich einen Überfall auf die DDR vorbereitende - Bundeswehr. Stöver widmet sich auch Günter Guillaume, der 1956 aus der DDR nach Frankfurt am Main kam, 1974 als Spion im Bundeskanzleramt enttarnt wurde und nach Begnadigung (und in einem größeren Austausch) 1981 in die DDR zurückkehrte, sowie den ehemaligen Angehörigen der linken Terrorszene in der Bundesrepublik, Inge Viett und Susanne Albrecht, die als "Terrormüde" mit Hilfe des MfS in der DDR untertauchten.

          Das "Rübermachen" habe immer unter dem Verdacht gestanden, dass mit den Übersiedlern irgendetwas nicht stimme. Man warf ihnen vor, Verlierer des Wirtschaftswunders, Kriminelle, Asoziale oder Verräter zu sein. Im Systemkonflikt mit dem kapitalistischen Nachbarn Bundesrepublik dienten die Übersiedler der politischen Legitimierung der DDR, die sich als "besseres Deutschland" präsentieren wollte. Mit der Arbeitsplatz- und Wohnungsgarantie, mit der hohen weiblichen Erwerbsrate, der umfassenden Kinderbetreuung sowie dem Recht auf Abtreibung habe Ost-Berlin "punkten" können - nach dem Mauerbau jedoch eher dadurch, dass die westdeutschen Achtundsechziger solche Themen positiv aufgriffen und "bei ihnen die Distanz zur DDR abnahm".

          Bei Grenzübergangsstellen gaben Übersiedler als Grund vor allem die Hoffnung auf ein "besseres", "normaleres" Leben an. Allerdings gab es bis zum Mauerbau Rückwanderungsquoten von bis zu vierzig Prozent. Das sei im Vergleich zu Migrationen in andere Länder nichts Ungewöhnliches. Echte politische Übersiedlungen seien "ausgesprochen selten" gewesen. Meistens habe es sich - auch hier war die DDR kein Sonderfall der Migrationsgeschichte - um normale Entscheidungen von Personen gehandelt, "die das individuell Beste für sich suchten". Die größte Enttäuschung für die Übersiedler war laut Stöver dann die persönliche Erfahrung mit dem SED-Staat Moskauer Prägung, der massiv in das "normale Leben" eingriff. Dies habe sich als Problem für die Zuwanderung erwiesen, wie überhaupt das Wirtschaftswunder im Westen und der Mauerbau im Osten: "Nach der Abriegelung der DDR 1961 war, werbetechnisch gesprochen, der Markt für Übersiedler aus der Bundesrepublik eigentlich weggebrochen."

          RAINER BLASIUS

          Bernd Stöver: Zuflucht DDR. Spione und andere Übersiedler. Verlag C. H. Beck, München 2009. 383 S., 24,90 [Euro].

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