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: Innerdeutsches Schußfeld

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Roman Grafe: Deutsche Gerechtigkeit. Prozesse gegen DDR-Grenzschützen und ihre Befehlshaber. Siedler Verlag, München 2004. 352 Seiten, 24,90 [Euro].Wenn da nicht auch noch das Volk gewesen wäre, hätte es sich für die kommunistische Nomenklatura und ihre Mitläufer ganz gut in dem "Ländchen" (Christa ...

          Roman Grafe: Deutsche Gerechtigkeit. Prozesse gegen DDR-Grenzschützen und ihre Befehlshaber. Siedler Verlag, München 2004. 352 Seiten, 24,90 [Euro].

          Wenn da nicht auch noch das Volk gewesen wäre, hätte es sich für die kommunistische Nomenklatura und ihre Mitläufer ganz gut in dem "Ländchen" (Christa Wolf) zwischen Elbe und Oder leben lassen, welches sie sich in einem günstigen historischen Augenblick mit fremder Hilfe, reichlich Geschichtsphilosophie und Terror unterworfen und mit dem irreführenden Namen Deutsche Demokratische Republik geschmückt hatten. Doch leider liefen ihr die Menschen, die bei dem Gesellschaftsexperiment der SED gefälligst im Mittelpunkt zu stehen hatten, in stetem Strome fort. Knapp 2,7 Millionen waren es in den ersten zehn Jahren. Da so viel Volkssouveränität in der Parteidiktatur nicht vorgesehen war, erkämpfte sich Walter Ulbricht in Moskau die Genehmigung, seine Untertanen im Sommer 1961 mittels einer Beton- und Stacheldrahtbarriere zum Ausharren zu zwingen.

          Sein Nachfolger versuchte das eingesperrte Staatsvolk nicht länger mit kühnen Verheißungen für den utopischen Kollektivismus einzunehmen. Da aber auch Erich Honecker die Machtfrage sicherheitshalber nicht von seinen Bürgern beantworten lassen wollte, versuchte er das Politbüroregime durch den Ausbau des zweiten deutschen Staates zu einem geheimpolizeilich durchwirkten Disziplinierungsstaat mit sozialer Hängematte für alle zu zementieren. Das war eine ausgesucht kostspielige Variante unlegitimierter Herrschaft, weil sie die Menschen demoralisierte und das Ländchen an den Tropf des westlichen Finanzkapitals brachte, ohne jedoch das Grundgebrechen der DDR zu heilen: die Sehnsucht ihrer Menschen nach Freizügigkeit.

          Der Druck auf die Mauer durch Deutschland blieb deswegen immer immens. In den siebziger Jahren kehrten dem Honecker/Mielke-Sozialismus jährlich etwa 10000 Bürger den Rücken. Je mehr Menschen die SED nach drüben ziehen ließ, desto mehr "Antragsteller" - zu Hause schikaniert und kriminalisiert - wollten diesen Weg gehen. Fast eine Viertelmillion waren es in der zweiten Hälfte der Honecker-Zeit, ehe dieser Exodus 1989 mit den "Botschaftsflüchtlingen" außer Kontrolle geriet und das Ende des erzwungenen Staatssozialismus einläutete. Die Ungeduldigsten, Wagemutigsten und Verzweifeltsten versuchten seit 1961 den direkten Weg durch die Sperranlagen an der Ostsee, in Mitteldeutschland und Berlin zu nehmen.

          Da die Sicherung ihrer Macht die Sicherung der DDR-Grenze voraussetzte, lauteten die Anweisungen der SED-Spitze entsprechend. Nach dem jährlich erneuerten Befehl an die Grenztruppen waren "Grenzverletzer festzunehmen oder zu vernichten". Überdies sei der "pioniermäßige Ausbau" der Grenze unter anderem mit der berüchtigten Selbstschußanlage SM 70 planmäßig fortzusetzen, verlangte Honecker bald nach seinem Machtantritt. "Überall muß einwandfreies Schußfeld gewährleistet werden." Gegen Grenzverletzer sei "rücksichtslos" von der Schußwaffe Gebrauch zu machen, erfolgreiche Todesschützen waren zu belobigen.

          Vom Politbüro ging diese Anweisung über das Ministerium für Nationale Verteidigung und das Kommando der Grenztruppen die ganze Befehlskette hinunter bis zu den Soldaten an den Befestigungsanlagen. Hinzu kam eine sorgfältige Erziehung zum "Haß" und die unablässige Indoktrination, die unbewaffneten Flüchtenden nicht zu "unseren Menschen" zu zählen, sondern sie als "Verbrecher" zu vernichten. Es wären auch humanere Formen der Grenzsicherung möglich gewesen, doch so starben die jungen Männer und Frauen in den Splittergarben der Minen, die ihnen verheerende Wunden rissen, oder in Feuerstößen aus Maschinenpistolen. Der lähmende Beinschuß gehörte nicht zum Ausbildungsprogramm.

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