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: In Wortungetümgewittern

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Wer wüßte nicht um den Flügelschlag jenes Schmetterlings am Amazonas, der einen Taifun in Japan verursacht! Schon Voltaire grübelte darüber nach, inwiefern die Handschuhe der Herzogin von Marlborough einen Krieg auslösen könnten, und schon immer waren die Menschen von der Idee fasziniert, daß eine minimale Ursache eine maximale Wirkung entfalten könnte.

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          Wer wüßte nicht um den Flügelschlag jenes Schmetterlings am Amazonas, der einen Taifun in Japan verursacht! Schon Voltaire grübelte darüber nach, inwiefern die Handschuhe der Herzogin von Marlborough einen Krieg auslösen könnten, und schon immer waren die Menschen von der Idee fasziniert, daß eine minimale Ursache eine maximale Wirkung entfalten könnte. Der kleinste und unbedeutendste Mensch ließe sich dann als potentieller Demiurg, vielleicht aber auch als jenes Sandkorn denken, das im Getriebe der Welt diese knirschend zum Stillstand bringt.

          All das ist alles andere als neu, und schon immer gab es in der Geschichtswissenschaft Diskurse um das Verhältnis zwischen "Momenten" und "Tendenzen" (Leopold von Ranke), und je nachdem, ob Historiker Geschichte als "Struktur" oder "Konstrukt", die in ihr Handelnden als "Individuen" ("Individuum est ineffabile" - so Goethe) oder gesichtslose Masse verstanden, führte dies zu den üblichen Genres der Geschichtsschreibung: Monographien oder Biographien, wobei hier wiederum die "großen" Geschichten und Persönlichkeiten von den "kleinen" zu unterscheiden wären. Das Nebeneinander von großen "Meistererzählungen" und akribischen Minimal- und Alltagsgeschichten läßt Vergleiche zu, an die früher kaum ein Historiker gedacht hat, etwa zwischen Zar Nikolaus II. und einem jungen russischen Feldwebel: "Hätte es Timofej Kirpitschnikow nicht gegeben, dann wäre vielleicht die Revolution, die Nikolaus II. die Krone gekostet hat, gescheitert, und der Zar wäre nicht gestürzt worden." Kirpitschnikow gehörte jenem wolhynischen Regiment an, das sich geweigert hatte, in Petrograd auf Demonstranten zu schießen. Er soll das als erster gesagt und getan haben und wurde zum Helden der Februarrevolution. Natürlich wurde er von der des Oktobers 1917 dann "gefressen"; ein General der "Weißen" hat ihn wohl erschießen lassen.

          Auch ein kleiner, unbedeutender Ort konnte solche weltgeschichtlichen Kettenreaktionen auslösen - merkwürdigerweise nicht Sarajevo, sondern Tscheljabinsk, weit hinten in Sibirien. Da kommt es zu einem Streit zwischen tschechischen Soldaten und den örtlichen Bolschewiki - flugs wurde daraus der russische Bürgerkrieg. Der Leser ist beeindruckt und fragt sich mit Jacques Monod: Zufall oder Notwendigkeit? Auch die deutsche Novemberrevolution bedurfte des "Funkens im Pulverfaß", und Alexander Hoyos, jener österreichische Diplomat, der in Berlin den "Blankoscheck" in Empfang nahm, habe wohl doch Schuld und fühlte sich schuldig an der "Entfesselung" des Ersten Weltkrieges. Der war mit der Schlacht an der Marne für Deutschland "in einer Stunde" verloren.

          Die Marneschlacht ist einer jener fünf "Momente", die das "andere" des Ersten Weltkrieges illustrieren sollen; Hoyos, Kirpitschnikow, Tscheljabinsk und Kiel sind die übrigen. Weil sich aus diesen fünf Stückchen beim besten Willen kein Gesamtbild des Ersten Weltkrieges ergeben kann, schwenken die Autoren nun auf die "Totale" und das "Panorama" um - aber der kühne Schwenk gelingt nicht, die Geschichte des Krieges verwischt sich.

          Man muß Verena Moritz und Hannes Leidinger allerdings zugute halten, daß sie die Logik dieses unmöglichen Spagats zu "erklären" versuchen; in gepflegtem Plauderton räsonieren sie über geschichtsphilosophische und theoretische Modelle, machen sich die Ideen und Erkenntnismöglichkeiten der "kontrafaktischen Geschichte" ebenso zu eigen wie die Vorstellung von der Geschichte als einem "Spiel". Sie versehen ihr Buch mit einer "Bedienungsanleitung", erwähnen die "Knotenpunkte" der Weltgeschichte und hüpfen zwecks Erläuterung quer durch dieselbe, natürlich tauchen Stefan Zweigs "Sternstunden der Menschheit" ebenso auf wie die Alexander Demandts, und da es sich um den Ersten Weltkrieg handelt, darf auch Niall Ferguson nicht fehlen.

          Aber es fehlt an Logik, Stringenz, und es reicht nicht aus, über die "Verdichtung der historischen Zeit", den "Moment" als "menschliche Dimension der Geschichte" mit wenigen Sätzen zu reflektieren, ohne auch nur ansatzweise den zugegebenermaßen komplexen und anspruchsvollen Forschungsstand zu berücksichtigen. Alles bleibt Gefühl und Wellenschlag, kommt allerdings auch nicht mit dem Anspruch daher, mehr sein zu wollen. Die Unbeholfenheit, mit der gerade einige der "großen" Ereignisse des Krieges (Julikrise, Tannenberg, Verdun, Kriegseintritt Amerikas) eigentlich nicht beschrieben, sondern immer nur gestreift werden, wirkt schon rührend.

          Erstaunt aber liest man solche Wortungetüme wie "Hohenzollerntruppen", "Hohenzollernflotte", "Flottenkommandanten", "Romanowimperium", und wenn deutsche Schiffe mitten auf See dann auch noch "eingekesselt", die deutschen Schlachtschiffe durchgehend verweiblicht werden ("Die ,König'"!), droht der Geduldsfaden auch des gutwilligsten Lesers zu reißen. Nicht weniger ärgerlich wirken solche pauschalen Urteile wie die über die "preußische Militärkaste" und ihre vermeintlichen Affinität zum Nationalsozialismus, wo doch eher das Gegenteil der Fall war, und wenn schon der 9. November als Kronzeugnis für einen "historischen Moment" bemüht wird, sollten nicht nur die vier üblichen, sondern auch der 9. November 1939 mit dem Bürgerbräuattentat erwähnt werden, denn genau da war es wirklich ein einsamer, einzelner, unbekannter Mensch, der um ein Haar tatsächlich die Weltgeschichte verändert hätte.

          MICHAEL SALEWSKI

          Verena Moritz/Hannes Leidinger: Die Nacht des Kirpitschnikow. Eine andere Geschichte des Ersten Weltkrieges. Deuticke im Paul Zsolnay Verlag, Wien 2006. 319 S., 24,90 [Euro].

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