https://www.faz.net/-gqz-169h3

: In Sosúa

  • Aktualisiert am

Die Dominikanische Republik war bislang als preisgünstiges Urlaubsziel, aber nicht als Zufluchtsort für verfolgte jüdische Flüchtlinge bekannt. Bis zu 10 000 Emigranten wolle sein Land aufnehmen, hatte der dominikanische Botschafter auf der Internationalen Flüchtlings-Konferenz von Evian im Juli ...

          2 Min.

          Die Dominikanische Republik war bislang als preisgünstiges Urlaubsziel, aber nicht als Zufluchtsort für verfolgte jüdische Flüchtlinge bekannt. Bis zu 10 000 Emigranten wolle sein Land aufnehmen, hatte der dominikanische Botschafter auf der Internationalen Flüchtlings-Konferenz von Evian im Juli 1938 erklärt, und Diktator Rafael Trujillo erhöhte die Zahl kurz darauf auf 100 000. Tatsächlich war die Vorgeschichte dieses Angebots ebenso märchenhaft wie sein Ergebnis, das nur wenigen hundert Personen half. Flor de Oro, Tochter Trujillos, wurde Ende der zwanziger Jahre auf ein luxuriöses Internat in der Nähe von Paris geschickt und freundete sich dort mit einer Klassenkameradin an, einem jüdischen Mädchen aus Berlin. Nach Abschluss der Schule verliebte sie sich in einen Leibwächter ihres Vaters, den später als Playboy und Latin-Lover berühmt-berüchtigten Porfirio Rubirosa. Trujillo schickte das junge Paar nach der Heirat im Juli 1936 an die dominikanische Gesandtschaft in Berlin. Dort nun lernte Trujillos Tochter neben dem Pomp und Glanz der Olympischen Spiele, bei denen sie hinter Hitler und Goebbels in der Ehrenloge saß, auch den gnadenlosen Terror kennen, mit dem das Nazi-Regime die jüdischen Mitbürger und die Familie ihrer jüdischen Schulfreundin verfolgte. Sie bat ihren Vater, der Familie ihrer Freundin zu helfen. Trujillo erlaubte die Einreise der Familie und erklärte sich nun sogar bereit, bis zu 100 000 Juden aufzunehmen.

          Die Autoren Dillmann und Heim haben die einschlägigen Archive in Santo Domingo, Washington, New York und Berlin ausgewertet, Zeitzeugen befragt und in ihrer akribischen, detailgesättigten Studie gut lesbar die Geschichte der kleinen jüdischen Enklave Sosúa an der Nordküste der Dominikanischen Republik nachgezeichnet, in der seit 1940 knapp fünfhundert Emigranten in der Landwirtschaft ein karges Auskommen fanden. Sondierungen zwischen dem Deutschen Reich und den Vereinigten Staaten 1938/39 über die Ausreise deutscher Juden waren wegen der deutschen Geldforderungen erfolglos geblieben. Seit 1940 wurden Emigranten überwiegend aus Flüchtlingslagern in der Schweiz, Frankreich und England ausgewählt und auf Kosten des American Jewish Joint Distribution Committee in Sosúa angesiedelt. Trujillos Absicht, unbewohnte Landstriche seines Landes von den Einwanderern aus Europa kolonisieren und zugleich die dunkelhäutige Bevölkerung "aufhellen" zu lassen, blieb Illusion. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs übersiedelte die Mehrzahl der Emigranten in die Vereinigten Staaten. Nur wenige Familien blieben und halfen 1947 einigen Dutzend Überlebenden der Schoa aus Schanghai, sich in Sosúa anzusiedeln.

          HANS JOCHEN PRETSCH

          Hans-Ulrich Dillmann/Susanne Heim: Fluchtpunkt Karibik. Jüdische Emigranten in der Dominikanischen Republik. Ch. Links Verlag, Berlin 2009. 188 S., 24,90 [Euro].

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Demonstranten in Lausanne, einige Tage bevor sich die Wirtschafts- und Politikelite in Davos trifft. Nicht nur die Klimapolitik steht im Fokus der Protestler – auch der Kapitalismus.

          „Trust-Barometer“ : Deutsche zweifeln am Kapitalismus

          Nur noch jeder achte Deutsche glaubt, dass er von einer wachsenden Wirtschaft profitiert. Viele blicken pessimistisch in die Zukunft. Mehr als die Hälfte ist der Meinung, dass der Kapitalismus in seiner jetzigen Form mehr schadet als hilft.
          Die Weichen werden gerade neu gestellt, es geht raus aus der Kohleförderung.

          „Soziale Wendepunkte“ : Wenn der Klimaschutz ansteckend wird

          Irgendwann kippt das gesellschaftliche Klima, dann kann es doch noch klappen mit dem Stopp der Erderwärmung. Eine Illusion? Forscher haben sechs „soziale Wendepunkte“ ausgemacht, die allesamt bereits aktiviert sind – und ein Umsteuern einläuten könnten.

          F.A.Z. Podcast für Deutschland : Die neue deutsche Rolle im Libyen-Konflikt

          Kann es wirklich Frieden geben in Libyen? Der politische Herausgeber Berthold Kohler und Nahost-Korrespondent Christoph Ehrhardt sprechen darüber mit Moderator Andreas Krobok. Außerdem: Wikipedia-Gründer Jimmy Wales über Fakenews und Sportwissenschaftler Professor Daniel Memmert über immer jüngere Fußballstars.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.