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: In Gerechtigkeit und in Waffen investieren

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Jürgen Todenhöfer: Wer weint schon um Abdul und Tanaya? Die Irrtümer des Kreuzzugs gegen den Terror. Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2003. 224 Seiten, 19,90 [Euro].Jürgen Todenhöfer hat ein erstaunliches Buch vorgelegt. Ihm wird große Beachtung zuteil werden. Zustimmung ist ihm ebenso sicher wie scharfer Widerspruch. Todenhöfer ist Überzeugungstäter - bei allem, was er sagt und tut.

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          Jürgen Todenhöfer: Wer weint schon um Abdul und Tanaya? Die Irrtümer des Kreuzzugs gegen den Terror. Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2003. 224 Seiten, 19,90 [Euro].

          Jürgen Todenhöfer hat ein erstaunliches Buch vorgelegt. Ihm wird große Beachtung zuteil werden. Zustimmung ist ihm ebenso sicher wie scharfer Widerspruch. Todenhöfer ist Überzeugungstäter - bei allem, was er sagt und tut. Wer den Politiker Todenhöfer erlebt hat, kennt seine Kompromißlosigkeit, wenn es um Grundfragen geht, aber auch seine Aufrichtigkeit, die ihm jede taktische Wendung verbietet. Er ist überzeugt von der Notwendigkeit transatlantischer Partnerschaft. Das hindert ihn nicht daran, dort mit der amerikanischen Politik ins Gericht zu gehen, wo er diese für ungerecht hält. Weil es ihm auf das Wesentliche ankommt, neigt er zu Überspitzungen, die seine Thesen angreifbar machen.

          Todenhöfer ist ein Freund Amerikas. Er tritt dem Freund entgegen, wo er - nach seiner Auffassung - irrt. Wenn es um Menschen und Menschlichkeit geht, kennt der Autor erst recht keine Rücksichten. Rücksichtslos ist er deshalb nicht. Sein jüngstes Buch ist ein einziger Aufschrei. Er stellt strategische Erwägungen an, er geht auf die Argumente der Machtpolitik ein, er verweist auf Interessen, und er spricht, und das besonders eindringlich, über menschliche Schicksale. Hier sind seine Ausführungen besonders eindrucksvoll und anrührend. Und in der Tat, das Schicksal der Menschen muß Maßstab sein für jedes politische Handeln. "Die Würde des Menschen ist unantastbar" ist die alles überragende Bestimmung unseres Grundgesetzes. Des Menschen heißt jedes Menschen. Das verbietet die Abwägung nach Nationalität oder Glauben.

          Todenhöfer zeigt die Gefahren auf für die Stabilität im nahöstlichen Raum, die sich aus einem Krieg gegen den Irak ergeben können. Aber wo findet man sonst schon bei der Abwägung des Pro und Kontra einen Satz wie diesen: "Gegen einen Präventivkrieg gegen den Irak spricht auch die zu erwartende hohe Zahl ziviler Opfer." Und dazu die Frage: "Wie viele schuldlose Männer, Frauen und Kinder darf man töten, um einen Diktator aus dem Amt zu jagen?" 

          Das Buch läßt uns mitreisen in das Afghanistan der Taliban, es berichtet uns über das Schicksal eines jungen, vom sowjetischen Bombenkrieg gezeichneten Afghanen, es läßt uns teilnehmen an der Sorge des Vaters Jürgen Todenhöfer, dessen Tochter sich zum Zeitpunkt des Verbrechens vom 11. September 2001 in Manhattan aufhielt. Seine Tochter konnte er nach dem Attentat nicht dort erreichen, wo er sie vermuten durfte. Wir erleben den Vater, der auf dem Display seines Handys die SMS liest: "Valerie aufgetaucht: alles ok!", dem die Tränen über das Gesicht laufen, der in diesem Augenblick ganz nah bei den vielen Amerikanern ist, die um ihre Angehörigen bangen. "Und ich dachte an die vielen Amerikaner, die genau wie meine Frau und ich jetzt verzweifelt ihre Angehörigen suchten." Nichts kann Jürgen Todenhöfer deutlicher beschreiben. Den Mann, der im Augenblick des Glücks - weil seine Tochter überlebt hat - an die vielen Amerikaner denkt, die diese Gewißheit noch nicht haben. Er erinnert an die Opfer früherer Anschläge. Mit ihm begegnen wir der 27 Jahre alten Muntha, die in Bagdad mit ihren vier Kindern zwischen ein und neun Jahren und ihrem Mann lebt.Wir lesen den Brief von Duaa, die das Schicksal ihrer Familie schildert.

          Todenhöfer stellt die Frage nach der Zukunft der Welt, nach dem Verhältnis der Industriestaaten zu den Staaten der Dritten Welt. Seine Antwort lautet: "Wir werden unsere Freiheit, unseren Wohlstand und unseren Frieden nur bewahren können, wenn wir in Gerechtigkeit genauso viel investieren wie in Waffen." Wer wollte dem widersprechen?

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