https://www.faz.net/-gqz-6las5

: In Ekstase gegen den Massenwahn

  • Aktualisiert am

"Der gerade Weg" war eine Wochenzeitung, deren Artikel im letzten Jahr der Weimarer Republik Aufsehen erregten. Das in München erscheinende Blatt attackierte furios Hitler, seine engsten Gefolgsleute und die nationalsozialistische Bewegung insgesamt - und das aus einem dezidiert katholischen Blickwinkel.

          "Der gerade Weg" war eine Wochenzeitung, deren Artikel im letzten Jahr der Weimarer Republik Aufsehen erregten. Das in München erscheinende Blatt attackierte furios Hitler, seine engsten Gefolgsleute und die nationalsozialistische Bewegung insgesamt - und das aus einem dezidiert katholischen Blickwinkel. Mitbesitzer, Chefredakteur und Verfasser des Löwenanteils der Artikel war Dr. Fritz Gerlich, der sich durch seine publizistische Tätigkeit den unbändigen Hass der Nationalsozialisten zuzog. Am 9. März 1933 überfiel ein SA-Trupp die Redaktion, Gerlich wurde misshandelt und verhaftet, die Zeitung verboten. Gerlich blieb in Schutzhaft, am 30. Juni 1934 wurde der Einundfünfzigjährige im Zuge der Röhm-Aktion aus dem Münchner Polizeigefängnis ins KZ Dachau verbracht und sofort nach der Einlieferung erschossen - ein frühes Opfer des Hitler-Regimes aus dem katholischen Bereich, dessen Schicksal in der Forschung zu Verfolgung und Widerstand im "Dritten Reich" eher unterbelichtet geblieben ist.

          Rudolf Morsey, Altmeister der Edition neuzeitlicher Geschichtsquellen, legt nun eine mustergültig bearbeitete Dokumentensammlung aus dem Nachlass des - in mancherlei Hinsicht - ungewöhnlichen Mannes vor. Einleitend informiert er über die bisherige Gerlich-Forschung und skizziert dann prägnant Gerlichs Lebensweg. Dieser hat es in sich, denn er ist gekennzeichnet durch Brüche und markante Wandlungen. Einem reformierten bürgerlichen Elternhaus in Stettin entstammend, wurde für Gerlich München seit seinen Studentenjahren zur Heimat. Nach der Promotion in Geschichte schlug er die Archivlaufbahn ein und positionierte sich politisch. Zunächst ein sozialliberaler Anhänger Friedrich Naumanns, vollzog er im Weltkrieg eine Rechtsschwenkung und agitierte auf Seiten der radikalnationalistischen Vaterlandspartei.

          Nach dem Sturz des Kaiserreichs rückte er wieder in die Mitte, war Mitbegründer der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei in München und kämpfte gegen die Räterepublik, aber es gelang ihm nicht der Einstieg in die angestrebte politische Karriere; er wurde weder berufsmäßiger Stadtrat in München, noch errang er bei den Wahlen zum Landtag und zum Reichstag ein Mandat. 1920 dann ein neuer Schwenk: Nachdem ein Konsortium rheinisch-westfälischer Schwerindustrieller die vielgelesenen "Münchner Neuesten Nachrichten" übernommen hatte, wurde Gerlich zum Hauptschriftleiter des DNVP-nahen Blattes berufen und blieb dies bis 1928.

          Der entscheidende Wendepunkt seines Lebens entwickelte sich aus dem Erlebnis von Konnersreuth: Die stigmatisierte Bauerntochter Therese Neumann gab in der "Ekstase" auf ihr gestellte Fragen Antworten, die für ihre Verehrer Worte des Heilands waren. Gerlich fand 1927 Anschluss an den Konnersreuther Kreis, wandte sich immer stärker einem rigorosen Katholizismus zu, konvertierte und verteidigte in einem zweibändigen Werk die Glaubwürdigkeit der Stigmatisierten, die in der Kirche nicht unumstritten war. Im Konnersreuther Kreis kam Gerlich in Kontakt mit dem Kapuziner-Pater Ingbert Naab und dem damals dreißigjährigen Erich Fürst Waldburg-Zeil. Diese beiden waren maßgeblich beteiligt an dem Zeitungsprojekt, das seit 1930 realisiert wurde, mit Naab als einem eifrigen Artikelschreiber und Fürst Waldburg als Geldgeber. Die Gruppe erwarb den insolventen "Illustrierten Sonntag", der ab Januar 1932 unter dem Namen "Der gerade Weg" erschien und mit seinen scharfen Angriffen auf Hitler und die NSDAP Furore machte. Zahlreiche Artikel von Gerlich und Naab, in denen emphatisch vor dem nationalsozialistischen und bolschewistischen Totalitarismus gewarnt wurde, sind wieder abgedruckt in dem 1946 vom einstigen Geschäftsführer des Verlags herausgegebenen Band "Gerlich - Naab, Prophetien wider das Dritte Reich".

          Weitere Themen

          „Valley Of The Boom“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Valley Of The Boom“

          „Valley Of The Boom“ läuft am Sonntag, 20.1. beim Abokanal National Geographic.

          Lakonisch geht anders

          „Friesland“-Krimi im ZDF : Lakonisch geht anders

          Wenn selbst der Showdown auf dem Friedhof zum Einschlafen ist, dann heißt es mit Recht: „Asche zu Asche“. Der „Friesland“-Krimi verläppert sein Potential.

          Topmeldungen

          TSG Hoffenheim : Her mit dem Bayern-Hattrick!

          Zwei Siege über den FC Bayern kann sich Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann bereits in die Vita schreiben. Damit der Hattrick gelingt, müssen die Hoffenheimer jedoch einen Hinrundenfluch besiegen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.