https://www.faz.net/-gqz-6keqa

: In Brettheim

  • Aktualisiert am

Die "Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS" (HIAG) war entrüstet. Im Jahr 1961 lehnte es die F.A.Z. ab, eine Todesanzeige abzudrucken, mit der die HIAG den gerade verstorbenen SS-General Max Simon verherrlichen wollte. Der Name des als "Feldgendarm" bekannt gewordenen ...

          Die "Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS" (HIAG) war entrüstet. Im Jahr 1961 lehnte es die F.A.Z. ab, eine Todesanzeige abzudrucken, mit der die HIAG den gerade verstorbenen SS-General Max Simon verherrlichen wollte. Der Name des als "Feldgendarm" bekannt gewordenen Durchhaltefanatikers war in den fünfziger Jahren vielfach durch die Presse gegangen. 1947 wegen Kriegsverbrechen an der italienischen Zivilbevölkerung zunächst zum Tode, dann zu lebenslänglicher Haft verurteilt, profitierte auch Simon davon, dass maßgebliche gesellschaftliche Kräfte in der jungen Bundesrepublik die von den Alliierten verurteilten Kriegsverbrecher mit Kriegsgefangenen gleichsetzten und deren Freilassung forderten. 1954 begnadigt, stand Simon in den folgenden Jahren dreimal vor bundesdeutschen Gerichten, da er als kommandierender General der Waffen-SS an einer Vielzahl von Verbrechen vor Kriegsende beteiligt war.

          Besondere Aufmerksamkeit zog auf sich, dass Simon im April 1945 "die Männer von Brettheim" hinrichten ließ. Einer der drei Zivilisten hatte in dem hohenlohischen Ort vier Kindersoldaten der Hitlerjugend entwaffnet, die vorrückende amerikanische Panzer abschießen sollten. Die beiden anderen Hingerichteten hatten sich geweigert, das Standgerichtsurteil gegen diesen Brettheimer Bauern zu unterschreiben. Zum Entsetzen der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit sprachen bayerische Gerichte den SS-General dreimal frei. Nach massiven öffentlichen Protesten hob der Bundesgerichtshof jeweils die skandalösen Urteile der zum Teil offen mit Simon sympathisierenden Strafkammern auf, bevor Simons Tod 1961 ein viertes Verfahren verhinderte. Franz Josef Merkl beschreibt jetzt ausführlich auch jene Abschnitte von Simons Lebensweg, die damals die deutschen Gerichte ausgeblendet hatten: Bis 1933 führte Simon ein gesichertes und beschauliches Leben als Versicherungsangestellter, bevor er sich der SS zur Verfügung stellte, um Karriere zu machen. Skrupellos profilierte sich Simon 1934 in der sogenannten Röhm-Krise, als Hitler hohe SA-Führer und Regimegegner ermorden ließ. Simon übernahm wichtige Funktionen beim Auf- und Ausbau des Konzentrationslagersystems und bei der Entstehung der Waffen-SS, deren Entwicklung - wie Merkl überzeugend zeigt - von Anfang an aufs engste mit der Geschichte der Konzentrationslager und der nationalsozialistischen Verbrechen verbunden war.

          Erfahrungen und Verhaltensweisen aus ihrem KZ-Einsatz setzten Simons Männer während des Zweiten Weltkriegs in ihrer verbrecherischen Kriegführung um. Kriegsverbrechen begleiteten regelmäßig ihre Einsätze im Frankreich-Feldzug, an der Ostfront, in Italien und zuletzt in Süddeutschland. Dass "Brettheim" kein Einzelfall war, weist Merkl nach und widerlegt zudem eine Vielzahl an Geschichtslügen, die Simon, seine Verteidiger und die SS-Hagiographen einst produzierten.

          CHRISTOPHER DOWE

          Franz Josef Merkl: General Simon. Lebensgeschichten eines SS-Führer. Wißner-Verlag, Augsburg 2010. 600 S., 38,- [Euro].

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der französische Präsident Emmanuel Macron während seiner Ansprache an die Nation.

          Protest der „Gelbwesten“ : Macrons Kehrtwende

          Er sei kein Weihnachtsmann, hatte der französische Präsident Emmanuel Macron zuvor gesagt. Doch fast ein Monat mit teils gewalttätigen Protesten zeigt jetzt Wirkung: Zum 1. Januar gibt es in Frankreich Geldgeschenke.

          Brexit-Chaos : Jetzt ist alles denkbar

          Nach der Verschiebung der Brexit-Abstimmung im Unterhaus erscheint alles denkbar: Theresa Mays Rücktritt, ihr Sturz, Neuwahlen – oder ein neu ausgehandelter Brexit-Vertrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.