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: Immer wählerischere Wähler

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Gerade noch rechtzeitig erschien im vorgezogenen Bundestagswahljahr 2005 die Analyse zu den Wahlen 2002. Die drei Herausgeber Falter, Gabriel und Weßels knüpfen mit diesem Kompendium an die von den Politikwissenschaftlern Kaase und Klingemann initiierten Sammelbänden zu den Bundestagswahlen an. Diese ...

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          Gerade noch rechtzeitig erschien im vorgezogenen Bundestagswahljahr 2005 die Analyse zu den Wahlen 2002. Die drei Herausgeber Falter, Gabriel und Weßels knüpfen mit diesem Kompendium an die von den Politikwissenschaftlern Kaase und Klingemann initiierten Sammelbänden zu den Bundestagswahlen an. Diese Reihe ist unverzichtbar für Wahlforscher, die sich detailliert mit den Ergebnissen und den Trends der Wahlforschung auseinandersetzen wollen. Das fachgerechte Fazit der zurückliegenden Wahlen konnte diesmal noch vor den nachfolgenden Wahlen vorgelegt werden, was vorher eher selten der Fall war.

          Die bewährte Struktur der Vorgängerbände konnte leicht modifiziert beibehalten werden. Die sechs Beiträge des ersten Abschnitts widmen sich der konkreten Analyse der Bundestagswahlen 2002. Die zwei weiteren traditionellen Abschnitte verzeichnen Beiträge zu Politik und Wahlen im Längsschnitt sowie Beiträge zu Grundsatzfragen der Wahlforschung. Neu ist ein weiterer Abschnitt mit international vergleichenden und ausländischen Wahlanalysen. Ausgestattet mit den rückblickenden Analysen, taucht sofort die Frage nach der Prognosefähigkeit der Befunde für 2005 auf. Doch da ist Vorsicht geboten. Denn die Wahlforschung sucht nach Erklärungen und allgemeinen Verhaltensmodellen, die nicht mit Prognosen zu verwechseln sind. Dennoch liefern die Beiträge mit ihren Erklärungsmodellen auch Anhaltspunkte, quasi Puzzleteile für Prognosen. Da sind insofern alle Befunde ernst zu nehmen, die eine hohe Veränderungsdynamik in der Wählerlandschaft konstatieren. Die Wähler sind wählerischer geworden, immer weniger Wähler binden sich langfristig an eine Partei, immer häufiger geben kurzfristige Faktoren den Ausschlag. Im Umkehrschluß bedeutet das für die Parteien, das Situative stärker in die eigene Wahlkampfplanung mit aufzunehmen. Wahlkämpfe sind mittlerweile Marathonläufe mit Fotofinish: Knapp 6000 Stimmen trennten die beiden großen Volksparteien 2002, und 2005 unterschieden sich die Parteien der großen Koalition mehrheitstechnisch nur durch vier Bundestagsmandate.

          In beiden Wahlkämpfen konnten letztlich eindeutige Kampagnenfehler im Unionslager von den anderen Parteien genutzt werden, so daß sich die Lager situativ bedingt in den letzten Tagen von Stunde zu Stunde rechnerisch näher kamen. Bei knappem Vorsprung kann am Ende jede Kleinigkeit den Ausschlag über Sieg oder Niederlage geben. So auch die Fernsehduelle, die Jürgen Maier und Thorsten Faas präzise unter die Lupe nehmen. Beide TV-Duelle waren die zentralen politisch-kommunikativen Ereignisse des Wahlkampfes 2002. Sie sind Wahlkämpfe im Miniaturformat und offenbar seit 2002 zum Standard auf Landes- und Bundesebene geworden. Maier und Faas arbeiten die besondere Relevanz heraus: Vor allem auch politisch Uninteressierte waren über das attraktive Wahlkampfereignis zu erreichen. Die differenzierte Analyse macht deutlich, wie die Zuschauer eindeutig Unterschiede zwischen Stoiber und Schröder wahrgenommen haben. Effekte konnten auch auf die Wahlbeteiligung und das Wahlverhalten nachgewiesen werden. Die Duelle haben grundsätzlich mobilisierend gewirkt. Die Wahlentscheidung war wiederum durchaus von der wahrgenommenen Debattenleistung abhängig, und dies besonders bei den politikfernen Wählern. Sie ließen sich in ihrer Präferenz für einen der beiden Kandidaten vom Verlauf des Duells beeinflussen. Zur bereits vorhandenen Komplexität der Erklärungen für Wahlverhalten muß insofern auch in der Wahlforschung eine Kategorie für die TV-Duelle geschaffen werden, die wohl nicht mehr rückgängig zu machen sind. Dabei dokumentieren die Beiträge des Sammelbandes insgesamt, daß nicht nur mehr Faktoren zu berücksichtigen sind, sondern daß auch die Wirkung und das Zusammenspiel der Faktoren selbst einer Veränderungsdynamik unterliegen.

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