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: Ihr Auftritt, Herr Scholl-Latour!

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Seit Oswald Spengler den Untergang des Abendlandes beschworen hat, sind Abgesänge populär. Auch heute wieder! Eine neue journalistische Variante hat Peter Scholl-Latour mit diesem schönen Buch vorgelegt - eine "Saga des Niedergangs". Der Autor hat den Rückzug des weißen Mannes in den vergangenen Jahrzehnten ...

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          Seit Oswald Spengler den Untergang des Abendlandes beschworen hat, sind Abgesänge populär. Auch heute wieder! Eine neue journalistische Variante hat Peter Scholl-Latour mit diesem schönen Buch vorgelegt - eine "Saga des Niedergangs". Der Autor hat den Rückzug des weißen Mannes in den vergangenen Jahrzehnten anfangs, im Indochina-Krieg, mit der Waffe in der Hand und dann mit Mikrofon und Kamera begleitet. So wie der portugiesische Nationaldichter Luís Vas de Camões in seinen "Lusiaden" im 16. Jahrhundert den Auf- und Abstieg seines Landes in zehn Gesängen besungen hat, besingt der Barde Scholl-Latour die "Wachablösung" in der Welt von heute in acht Gesängen samt einem Präludium und einem Epilog. Verfasst ist sein Werk freilich nicht in Versen, sondern in jener Prosa, deren unverwechselbare Melodie den Zeitgenossen aus unzähligen Radio- und Fernsehsendungen vertraut ist und beim Lesen mitklingt. Unverwechselbar ist auch die Kombination aus aktueller Reportage vor Ort und Erläuterung der politischen und kulturellen Weltlage - mit historischen Reflexionen, die aus enzyklopädischem Wissen schöpfen.

          Dieser "Abgesang" soll - wie der Autor hervorhebt - weder eine pathetische Prophezeiung noch eine nostalgische Klage sein. Die Zusammenstellung der sehr unterschiedlichen Kapitel habe er dem Zufall seiner Reiseroute überlassen. Und er räumt ein, dass in den einzelnen Kapiteln der ständige Wechsel von Zeit und Ort, der seine Rückbesinnung begleitet, vom Leser nicht immer einfach nachzuvollziehen sein werde. Auch mag die elegische Schlussbetrachtung, die dann doch zur Prophezeiung gerät, nicht jedermann überzeugen. Scholl-Latour stellt die rhetorische Frage, ob wir uns "an der Schwelle einer neuen Evolution" befinden, und er antwortet: Angesichts der "Gemischtrassigkeit", die uns täglich auf den Straßen Europas und Amerikas begegne, verweise die existentielle Angst des weißen Mannes eben auf diese "Veränderung unserer Spezies", die mit den kühnen Navigatoren der Lusiaden begann und in Brasilien, der gewichtigen Tochter Portugals, zur Realität geworden sei. Die kommende Generation werde sich (so heißt es prophetisch schon in der Einleitung) "mit der schmerzlichen Anpassung an eine inferiore Rolle im globalen Kräftespiel" abfinden müssen und "mit dem tragischen Fatum leben, dass den weißen Herren von gestern das sachte Abgleiten in Resignation und Bedeutungslosigkeit bevorsteht".

          Glücklicherweise sind es nicht diese Gegenwartsklagen und Zukunftsszenarien, die das Buch bestimmen, sondern bunte, höchst aufschlussreiche Erlebnis- und Erfahrungsbilder des intelligenten und unbestechlichen Reporters, die dessen Fanggemeinde ebenso erfreuen werden wie - das Bekenntnis sei erlaubt - den Rezensenten. Ohne auch nur den Versuch einer inhaltlichen Wiedergabe zu machen, seien die Kapitel wenigstens mit Untertiteln aufgezählt: Osttimor (Portugals letzter Gesang), Bali (Im Vorfeld des Fünften Kontinents), Ozeanien (Das andere Ende der Welt), Java (Indonesische Schattenspiele), Philippinen (Die Inseln des Magellan), China ("Zittere und gehorche!"), Kasachstan (Die Macht der Steppe), Kirgistan (Die Enttäuschung der "Tulpen-Revolution") und Brasilien (Die Revanche Portugals). Kein anderer kann Geschichte und Geschichten so unterhaltsam und lehrreich erzählen. Autobiographische Passagen, Rückblenden und Anekdoten lockern die Erlebnisberichte auf. Und eine Menge sprechender Zitate wird sich der Leser anstreichen - wie zum Beispiel Henry Kissingers Diktum: "Die Ordnungskräfte verlieren, weil sie nicht gewinnen. Die Rebellen hingegen gewinnen dadurch, dass sie nicht verlieren."

          Da Deutschland seinen Rückzug aus der (zudem nur kurzen) Kolonialpolitik bereits infolge des Ersten Weltkrieges antreten musste, taucht es logischerweise in der "Saga des Niedergangs" nur am Rande auf. Aber es versteht sich, dass der streitbare Autor bei sich bietender Gelegenheit seine Reiseeindrücke mit kritischen Bemerkungen zur deutschen Politik in Vergangenheit und Gegenwart verbindet - wie beispielsweise zur China- und Tibet-Politik der Bundesregierung oder zur "anbetenden Hinwendung so vieler unserer Landsleute zu einem exotischen Heilskünder aus dem Himalaja". Immerhin, am Ende seines letzten "Gesangs" lobt Scholl-Latour die Bundesregierung dafür, dass sie den Mut aufbrachte, uigurische Guantánamo-Gefangene trotz des drängenden Ansinnens der Vereinigten Staaten nicht in Deutschland aufzunehmen, um das deutsch-chinesische Verhältnis nicht zu belasten.

          Die Tatsache, dass diese Gefangenen nun auf der westpazifischen Inselgruppe von Palau Aufnahme finden, veranlasst den Autor zu der mokanten Bemerkung, die - weil sie so typisch für seine Darstellungsweise ist - abschließend zitiert sei: "Wer weiß denn heute noch zwischen Rhein und Oder, dass die Insel Palau in den Jahren 1900 bis 1914 deutscher Kolonialbesitz war. Die große Koalition von Berlin hatte sich gegen die Überstellung der Uiguren erfolgreich zur Wehr gesetzt. Der Zufall hat es gefügt, dass das Häuflein von Islamisten aus Xinjiang auf einer winzigen Inselgruppe im Stillen Ozean stranden würde, wo vor hundert Jahren noch die schwarz-weiß-rote Fahne des wilhelminischen Kaiserreiches wehte. Ein Treppenwitz der Geschichte."

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          Peter Scholl-Latour: Die Angst des weißen Mannes. Ein Abgesang. Propyläen/Ullstein Verlag, Berlin 2009. 457 S., 24,90 [Euro].

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