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: Heimat Potsdam

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1993 erinnerte sich die Stadt Potsdam ihrer ersten urkundlichen Erwähnung tausend Jahre zuvor. Aus der Vielzahl der Gedenkschriften, die aus diesem Anlass erschienen sind, ragt der voluminöse Band "Potsdam. Staat, Armee, Residenz in der preußisch-deutschen Militärgeschichte" hervor, herausgegeben von Bernhard R. Kroener.

          1993 erinnerte sich die Stadt Potsdam ihrer ersten urkundlichen Erwähnung tausend Jahre zuvor. Aus der Vielzahl der Gedenkschriften, die aus diesem Anlass erschienen sind, ragt der voluminöse Band "Potsdam. Staat, Armee, Residenz in der preußisch-deutschen Militärgeschichte" hervor, herausgegeben von Bernhard R. Kroener. Angesichts dieses facettenreichen Sammelbandes und der übrigen lokalgeschichtlichen Beiträge aus den neunziger Jahren stellt sich die Frage, was ein weiteres Buch über Potsdam zu leisten vermag. Neue, vorwiegend zeitgeschichtliche Akzente setzt jetzt der 1931 in Potsdam geborene Historiker und spätere leitende Editor der "Akten zur deutschen auswärtigen Politik 1918-1945", Roland Thimme. Er untersucht "den Einzug diktatorischer Systeme in die Welt der bürgerlichen und familiären Ordnung und die durch politische Veränderungen hervorgerufenen Brüche in den Lebensplanungen". Auf breiter Quellenbasis beschreibt Thimme vorrangig die Lebenswege jener Menschen, die unter den Regimen der NSDAP und SED wegen ihres Glaubens oder ihrer politischen Überzeugung verfolgt wurden oder Widerstand geleistet haben.

          Dabei gelingt es ihm auch, die zeitbedingt spannungsvollen Grauzonen zwischen Anpassung und Resistenz aufzuhellen. Sein Untersuchungsfeld umschließt Potsdam und Umgebung, wobei ihm die Kenntnis der Honoratioren und Amtsträger seiner Geburtsstadt ebenso hilfreich entgegenkam wie die Erfahrungsberichte seiner traditionsreichen Familie, in der Historiker und Theologen dominierten. Das Spektrum der thematischen Schwerpunkte reicht von der Monopolisierung der politischen Macht über Faszination und Ablehnung des jeweiligen Regimes bis zur Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit im Staatssozialismus der SED.

          Profile ausgewählter Potsdamer Bürger und deren Alltagserfahrungen vor und nach 1945 runden die Darstellung eindrucksvoll ab. Zwei Beispiele: Der Vater des Autors, Hans Thimme, Reserveoffizier und Archivar im Reichsarchiv Potsdam, hat Tagebücher hinterlassen, die mit Stellungnahmen zum Nationalsozialismus und zur Judenverfolgung auszugsweise wiedergegeben werden. Am 3. April 1933, nach dem Boykott jüdischer Geschäfte durch die Nationalsozialisten, notierte er: "Die Maßnahmen der Nazis gegen die Juden sind verwerflich und unklug, weil sie die Einheit der Nation zerstören und einen falschen Rassebegriff an Stelle der Nation setzen." Den Totalitätsanspruch des Staates bezeichnete er 1934, vom religiösen Standpunkt aus betrachtet, als "Irrlehre". Unter dem Eindruck des Einmarsches deutscher Truppen in die entmilitarisierte Rheinlandzone vermerkte Hans Thimme am 27. März 1936 nach einer Rede Hitlers: "Wie er bisher zwischen den Klassen Deutschlands Frieden gestiftet hat, so jetzt zwischen den Völkern Europas auf Grund der Selbstachtung und Selbstbestimmung. Der neue europäische Führer ist da. Und man muss ihm folgen." Roland Thimme stellt zu Recht fest, dass die Lagebeurteilungen seines Vaters weitgehend von außenpolitischen Entwicklungen abhängig gewesen seien. Die NSDAP habe er abgelehnt, was sich für seine Karriere schädlich auswirkte, gleichwohl aber erwartet, dass Hitler den Versailler Vertrag "friedlich revidieren" werde.

          Reaktionen auf die Pogrome im November 1938 sind bedauerlicherweise nicht verzeichnet, ebenso wenig zum Kriegsbeginn 1939. Erst 1943 ist den veröffentlichten Tagebucheintragungen zu entnehmen, dass der "Eroberungs-, Annexions- und Kolonialkrieg gegen den Osten" nicht seine Sache gewesen sei. Im Januar 1945 bekennt Hans Thimme schließlich: "Wir sind alle schuldig, hätten laut protestieren müssen gegen die Massenvernichtung, haben es aus Feigheit nicht getan, so kommt das Blut mit Recht über uns." Beim Luftangriff auf Potsdam am 14. April 1945 kam er zu Tode.

          Beklemmend wirken die Erfahrungen der Potsdamer Bevölkerung mit dem Einmarsch sowjetischer Soldaten und den Begleiterscheinungen (Plünderungen und Vergewaltigungen). Marianne Vogt beschreibt in ihrem "Tagebuch 1945" die sowjetische Besatzungszeit in Potsdam und die Gefühlswelt einer Frau, die zur Kriegsbeute wurde. Die Aufzeichnungen von Ellen Gräfin Poninski schildern Möglichkeiten und Grenzen des Überlebens in einer zerstörten Stadt unter sowjetischer Herrschaft. Diese und weitere Lebenswege aus dem militärischen und geheimdienstlichen Milieu offenbaren Brüche in den Biographien Potsdamer Bürger, die durch zwei Diktaturen verursacht worden sind. Die quellengesättigte Darstellung von Roland Thimme beeindruckt durch epochenübergreifende Analysen aus lokaler Perspektive. Seine Befunde ragen jedoch über die Grenzen lokalhistorischer Studien hinaus. Sie spiegeln im Kern und beispielhaft zentrale Aspekte deutscher Zeitgeschichte wider: Kontinuität und Wandel der Funktionseliten, Auseinandersetzungen zwischen bekenntnistreuen Kirchen und staatlichen Repressionsorganen, Entrechtung jüdischer Bürger, Überlebensprobleme unter alliierter Besatzung, Entnazifizierung und Aufarbeitung der "faschistischen" Vergangenheit.

          HANS-JÜRGEN DÖSCHER

          Roland Thimme: Rote Fahnen über Potsdam 1933-1989. Lebenswege und Tagebücher. Hentrich & Hentrich Verlag, Berlin 2007. 466 S., 36,80 [Euro].

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