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: Handwerker des Todes

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Im Kontext von Spielbergs Film "München" über die Vergeltungsaktion des Mossad für das Attentat auf die israelische Olympia-Mannschaft sind mehrere Bücher als publizistisches Begleitprogramm erschienen. Die Verlage erwiesen sich als kreativ genug, ohnehin geplante Werke mit einem anderen Schwerpunkt ...

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          Im Kontext von Spielbergs Film "München" über die Vergeltungsaktion des Mossad für das Attentat auf die israelische Olympia-Mannschaft sind mehrere Bücher als publizistisches Begleitprogramm erschienen. Die Verlage erwiesen sich als kreativ genug, ohnehin geplante Werke mit einem anderen Schwerpunkt durch den Titel ins Umfeld des Hollywood-Streifens zu rücken - durchaus zum Leidwesen der Autoren. Michael Bar-Zohar und Eitan Haber, der eine früheres Knesset-Mitglied und Verfasser einer Biographie über David Ben Gurion, der andere Journalist und Buchautor, haben ein spannendes Werk über den palästinensischen Widerstand/Terrorismus gegen die britische Mandatsmacht und den Staat Israel sowie seine westlichen Verbündeten am Beispiel der Familie Salameh verfasst. Es schildert die Geschichte des Nahost-Konflikts der vergangenen 80 Jahre. Der Verlag nennt das Werk "Rache für München. Terroristen im Visier des Mossad" - und reduziert es damit auf einen Teil des Ganzen.

          Auf einer Party in Israel im Jahre 1996, in der kurzen Friedensphase im Nahen Osten, kam ein israelischer Journalist mit einem gutaussehenden Araber ins Gespräch. Nach einer Weile stellte dieser sich vor: Er heiße Ali Hassan Salameh. Irgendwie kam der Name dem Journalisten bekannt vor: Der junge Mann, der da in feinem Zwirn in einem Jerusalemer Apartment vor ihm stand, war der Sohn des gleichnamigen "Roten Prinzen", Geheimdienstchef von Jassir Arafats Fatah, Sicherheitschef des "Schwarzen September" und Drahtzieher des Olympia-Attentats. Und er war der Enkel Hassan Salamehs, des Bandenführers im Kampf gegen die britische Mandatsmacht und jüdische Siedler in Palästina, des engen Vertrauten des Muftis Haj Amin el Husseini. "Die Zeit meines Vaters war eine Zeit des Krieges. Ich bin ein Mann des Friedens, zu hundert Prozent", sagte der junge Mann. Das war vor zehn Jahren.

          Bar-Zohar und Haber schildern den Aufstieg des kleinen Bauernjungen Hassan Salameh aus dem Nest Kulleh in der Nähe Lods, eines jener palästinensischen Dörfer, die im ersten israelisch-arabischen Krieg 1948, den die Israelis Unabhängigkeitskrieg und die Araber "die Katastrophe" nennen, völlig zerstört wurden und deren von Pflanzen überwucherte Trümmer heute auf dem Weg zum Ben-Gurion-Flughafen noch zu erkennen sind. Als achtjähriger Junge hörte er 1920 erstmals die Dorfältesten von Kämpfen zwischen Juden und Arabern reden. Er schlug sich als Gelegenheitsarbeiter in der jüdischen Siedlung Petah Tikvah und als Tagedieb durch. Sein Ziel war zunächst unpolitisch. Er wollte die Armut seines Elternhauses hinter sich lassen. Da ihm ein normaler Aufstieg versperrt schien, wählte er den Weg eines Kriminellen. Vom Dorfschurken wurde er zur lokalen Größe, zum Bandenführer und derart irgendwann zum Widerstandskämpfer, der sich 1936 im arabischen Aufstand einen Namen im ganzen Land machte und später, im Zweiten Weltkrieg an der Seite des Muftis zum Verbündeten Hitler-Deutschlands wurde. Zu den interessantesten Passagen gehört jenes Kapitel über das Berliner Exil, wo der Französisch sprechende Mufti Husseini, der im Schloss Bellevue residierte, "Monsieur le Führer" davon zu überzeugen suchte, eine deutsch-arabische Front gegen die Briten im Nahen Osten zu eröffnen. Vater Salameh wurde 1948 getötet, von Menachem Begins Untergrundbewegung Irgun.

          Die Geschichte seines Sohnes Ali liest sich wie die des Paten zweiter Teil von Francis Ford Coppola: Ein junger Mann, im Überfluss großgeworden, an Universitäten in Ägypten und Deutschland ausgebildet, will nichts mit dem Leben seines Vaters, dem glorifizierten Helden der Araber, zu tun haben. Er genießt das süße Leben und flirtet mit deutschen Fräuleins. Erst mit dem Sechs-Tage-Krieg holt ihn sein Schicksal ein, er meldet sich im Rekrutierungsbüro von Arafats Fatah in Amman. Der Palästinenserführer wird schnell auf den Mann mit dem berühmten Vater aufmerksam und baut ihn auf - zunächst innerhalb seiner Bewegung, dann in der geheimen Terroreinheit Schwarzer September. Arafat verfolgt zu diesem Zeitpunkt eine Doppelstrategie: In der Öffentlichkeit setzt er auf Diplomatie, insgeheim fördert er den internationalen Terrorismus.

          In jener blutigen Zeit der Flugzeugentführungen und Anschläge erwirbt sich Salameh den Namen der "Rote Prinz". München 1972 ist das Meisterstück des Handwerkers des Todes. Der israelische Mossad braucht sieben Jahre, bis es ihm gelingt, Salameh in Beirut bei einem Sprengstoffanschlag zu töten. Für die Geschichte des Nahost-Konflikts bietet das biographische Werk einen im besten Sinne des Wortes ungewöhnlichen Zugang.

          MAJID SATTAR

          Michael Bar-Zohar/Eitan Haber: Rache für München. Terroristen im Visier des Mossad. Droste Verlag, Düsseldorf 2006. 296 S., 14,95 [Euro].

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