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: Ha-Ho-He, Hertha BSC!

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In den vergangenen Jahren sind über mehrere Fußballvereine Studien erschienen, die das Verhalten dieser Clubs im nationalsozialistischen Staat thematisierten. Dabei war es vorteilhaft, wenn sich Allgemeinhistoriker dieses Themas annahmen. Denn zum einen bedarf es einer ausgeprägten Findigkeit, angesichts ...

          In den vergangenen Jahren sind über mehrere Fußballvereine Studien erschienen, die das Verhalten dieser Clubs im nationalsozialistischen Staat thematisierten. Dabei war es vorteilhaft, wenn sich Allgemeinhistoriker dieses Themas annahmen. Denn zum einen bedarf es einer ausgeprägten Findigkeit, angesichts des Verlustes geschlossener archivalischer Bestände durch Ersatzüberlieferungen eine tragfähige Quellenbasis zu errichten. Zum anderen ist die besondere Fähigkeit gefragt, die Grautöne in ihren vielen Variationen zum Vorschein zu bringen, die zwischen Schwarz und Weiß liegen.

          Die Vereinsführung von Hertha BSC hat eine kluge Entscheidung getroffen, als sie den ausgewiesenen Zeithistoriker Daniel Koerfer mit der schwierigen Aufgabe betraute, die in der Vereinsgeschichte bislang kaum thematisierte Zeitspanne zwischen 1933 und 1945 zu untersuchen. Dass der Autor keinerlei inhaltliche Vorgaben vom Auftraggeber erhielt, war die grundlegende Voraussetzung für das Projekt und fügt sich nahtlos ein in einen jüngst bei einigen Clubs zu registrierenden offensiven Umgang mit dunklen Kapiteln der eigenen Vereinsgeschichte. Koerfer zeichnet auf Basis einer relativ dichten, aus einer Vielzahl von Provenienzen schöpfenden Quellenbasis ein lebendiges, stets um Differenzierung bemühtes Bild. Gewiss wäre es möglich gewesen, dem Gegenstand stärker kulturgeschichtlich ausgerichtete Erkenntnisse abzugewinnen. Denn die Kernfrage der Studie - wie stark hat sich Hertha BSC auf das NS-Regime eingelassen? - führt zu kulturgeschichtlich akzentuierten Anschlussfragen, die um die zentrale Fähigkeit des Fußballsports kreisen, nämlich nach seinem Beitrag zur Stiftung und Veranschaulichung von Gemeinschaftsvorstellungen. Koerfers Antwort rückt nun genau diese spezifische Potenz des Fußballs ins Zentrum, ohne allerdings diesen Ansatz kulturtheoretisch zu fundieren.

          Die Spieler, Funktionäre und Anhänger des im Berliner Arbeiterbezirk Wedding beheimateten Fußballclubs empfanden sich seit dessen Gründung im Jahre 1892 als Teil einer Sportfamilie, deren kulturelle Leitwährung ein ausgeprägter Kameradschaftssinn war. Wie politisch deutungsoffen das Konzept der Kameradschaft war, demonstriert der Verfasser am Beispiel des heimlichen Helden seiner Studie, Wilhelm Wernicke, Hertha-Vorsitzender von 1908 bis 1933. Diese Seele des Vereins entstammte dem sozialdemokratischen Milieu des "roten Wedding" und überwinterte die "braunen Jahre". Dabei gelang es ihm, auch ohne Vereinsamt als Schlüsselfigur im Hintergrund den Vereinsgeist zu pflegen. Wernicke war es, der brieflichen Kontakt zu den mehr als 300 Hertha-Spielern pflegte, die im Kriegseinsatz standen. Sie hielt er mit einem aktuellen Exemplar der "Fußball-Woche" über die fußballerischen Ereignisse auf dem Laufenden. Und dieser kommunalpolitisch bestens vernetzte Ur-Herthaner war es auch, der die Wiederbegründung des Vereins nach dem Krieg in die Wege leitete und für die Wiederherstellung der Spieltauglichkeit des traditionellen Hertha-Platzes am Gesundbrunnen sorgte, der im Volksmund nur "Plumpe" hieß. Es war kein Zufall, dass in diesem mit 80 000 Menschen überfüllten Stadion der charismatische Streiter für die Freiheit Berlins, Wernickes Parteifreund Ernst Reuter, am 24. Juni 1948 seine legendäre Rede an die Weltöffentlichkeit hielt.

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