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: Gut funktionierende Funktionäre

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Hat eine Weltanschauungspartei erst einmal den Staatsapparat erobert - wie 1933 die NSDAP mit Hilfe konservativer Steigbügelhalter und nach 1945 die SED mit Hilfe der sowjetischen Besatzungsmacht -, dann steht sie vor der schwierigen Aufgabe, ihre neu gewonnene Macht zu behaupten. Zweck der Machtbehauptung ...

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          Hat eine Weltanschauungspartei erst einmal den Staatsapparat erobert - wie 1933 die NSDAP mit Hilfe konservativer Steigbügelhalter und nach 1945 die SED mit Hilfe der sowjetischen Besatzungsmacht -, dann steht sie vor der schwierigen Aufgabe, ihre neu gewonnene Macht zu behaupten. Zweck der Machtbehauptung ist anfangs durchaus die Durchsetzung ideologisch definierter oder verbrämter Ziele. Doch in dem aussichtslosen Kampf der Ideologiediktaturen mit einer Realität, die sich den angeblichen biologischen oder ökonomischen "Gesetzmäßigkeiten" nicht fügt, wird Machtbehauptung bald selbst das Ziel. Sie verkommt zum Selbstzweck.

          Treibende Kraft bei der gewaltigen Anstrengung, den Staat gleichzuschalten und eine träge Gesellschaft zu mobilisieren, zu integrieren, zu kontrollieren und zu terrorisieren - auch zu faszinieren -, ist immer die Partei und ihre Führung. In Diktaturen mit totalitärem Verfügungsanspruch reicht ihr Arm über alle Stufen der Verwaltung und quer durch alle Lebensbereiche bis in den Wohnblock und in die Fabrik. Die Parteifunktionäre bewegen sich dabei jedoch zwischen zwei Mühlsteinen: zwischen dem Eigengewicht einer widerspenstigen Realität und dem Eigengewicht eines zunehmend realitätsblinden Dogmatismus. An diesem konfliktgeladenen Herrschaftsalltag, wo die Grenzen totaler Herrschaft rasch deutlich werden, kann die Geschichtswissenschaft die Herrschaftswirklichkeit von Ideologieregimen am besten veranschaulichen. Wer vom Alltag nicht reden will, sollte auch von der Herrschaft schweigen.

          Angesichts ihrer historischen Bedeutung ist es erstaunlich, dass dem Innenleben und der Außenwirkung von NSDAP und SED von der Zeitgeschichtsforschung lange wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Insofern ist Mario Niemanns Studie über die kommunistischen Bezirkssekretäre zu begrüßen. Die fleißige gruppenbiographische Beschreibung des Korps der gut 400 Spitzenfunktionäre der mittleren Parteiebene informiert in extenso über den gravierenden Kadermangel beim Aufbau des Sozialismus; über die weit in die sechziger Jahre hinein reichende enorme Personalfluktuation einer noch ungefestigten Nomenklatura; über die gut proletarische Herkunft der meisten Funktionäre; den kläglich niedrigen Frauenanteil; die Parteischulungen et cetera.

          Von ähnlich lexikalischer Trockenheit ist die Darlegung der galoppierenden Überalterung des Funktionärsapparates während der Honecker-Jahre. Doch immerhin: Als ihre Herrschaft in der friedlichen Revolution von 1989 vom Volksprotest weggefegt wurde, war die SED so weit, dass ihre regionalen Spitzenkader dem über Jahrzehnte hin erstrebten Anforderungsprofil in etwa entsprachen - ein nicht funktionierendes System mit gut funktionierenden Funktionären. Nichts ist so verkehrt wie die noch immer zu hörende Ansicht, eigentlich sei der Staatssozialismus sowjetischen Typs gar nicht so schlecht, nur eben schlecht ausgeführt gewesen.

          Mit der Feststellung, letztlich habe sich für die strengster Parteidisziplin unterworfenen Bezirkssekretäre "kein Gestaltungsspielraum für wirkliche grundlegende Veränderungen in der Politik der SED" eröffnet, bestätigt Niemann, was man schon wusste. Eigentlich gab es für sie nur zwei Wege, ein wenig Spielraum für ihren Bezirk zu erkämpfen: über eine entsprechende Kreativität der Buchführung bei der Planaufstellung und über die Aktivierung guter Beziehungen nach ganz oben. Wie gründlich dabei eine Hand die andere wusch, zeigte sich beispielsweise bei dem Schwarzbau der eindrucksvollen MfS-Bezirkszentrale in Berlin-Lichtenberg, den Erich Mielke und der Berliner SED-Chef Konrad Naumann hinter dem Rücken und abseits der Protokollstrecke des Generalsekretärs hochzogen. Die parteiliche Lahmlegung der Selbstorganisationsfähigkeit von Staat und Gesellschaft im diktatorischen Sozialismus verlangte den Regelverstoß geradezu.

          Obwohl Niemann die prekäre "Zwischenstellung" der Bezirksparteiorganisationen immer wieder betont, erfahren wir über deren Herrschaftsalltag recht wenig und so gut wie nichts über ihr konfliktträchtiges Zusammenwirken mit den Staatsorganen im Bezirk oder das Spannungsverhältnis zu den nachgeordneten Kreisleitungen der SED. Einige zum Teil bekannte Konfliktfälle zwischen den Berliner Granden und den Provinzhäuptlingen werden nicht wie erforderlich in quellengesättigter Konstellationsanalyse, sondern meist nur auf der Grundlage von Memoirenliteratur und Interviews aus jüngster Zeit geschildert.

          Das wirkliche Leben in den 15 DDR-Bezirken, dessen Organisation immerhin die Hauptaufgabe der SED-Bezirksfunktionäre gewesen ist, bleibt in diesem Werk wenig greifbar, das Parteileben ziemlich vorhersehbar und ein wenig eintönig. Auch wenn das Buch über die mittlere Ebene der Parteiherrschaft noch geschrieben werden muss, ist Niemanns Studie nützlich. Nicht zuletzt deshalb, weil sie bestätigt, was man ebenfalls schon wusste: dass nämlich die mittleren Funktionärseliten im Nationalsozialismus, die Gauleiter der NSDAP, über eine ungleich größere Machtfülle und Gestaltungsfreiheit verfügten als die gut ein- und angepassten Bezirkschefs der SED. Das ist eines der Strukturmerkmale, die der NS-Herrschaft eine so ungleich viel größere Dynamik verliehen. Auch in dieser Hinsicht liegen Welten zwischen den "beiden Diktaturen" in Deutschland.

          KLAUS-DIETMAR HENKE

          Mario Niemann: Die Sekretäre der SED-Bezirksleitungen 1952-1989. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2007. 446 S., 39,90 [Euro].

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