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: Große Vorsitzende

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Der Aufsatzband über die mehr als achtzig Parteivorsitzenden seit Gründung der Bundesrepublik hat die jüngsten Entwicklungen im Zusammenhang mit der September-Wahl nicht mehr berücksichtigen können - weder den Aufstieg der Linkspartei mit Oskar Lafontaine und Gregor Gysi als west-östlichem Spitzenduo noch ...

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          Der Aufsatzband über die mehr als achtzig Parteivorsitzenden seit Gründung der Bundesrepublik hat die jüngsten Entwicklungen im Zusammenhang mit der September-Wahl nicht mehr berücksichtigen können - weder den Aufstieg der Linkspartei mit Oskar Lafontaine und Gregor Gysi als west-östlichem Spitzenduo noch den Rücktritt des SPD-Chefs Franz Müntefering, noch dessen Nachfolger Matthias Platzeck. Das schmälert jedoch keineswegs den Wert der informativen Publikation, die sich durch meist gelungene biographische Annäherungen an die vielen Vorsitzenden und oft lohnende Beobachtungen über sehr unterschiedlich ausgeprägte Führungsstile auszeichnet.

          Die gescheiterten und längst vergessenen kleinen Nachkriegsparteien untersucht Michael Schlieben: die von Ost-Berlin aus gesteuerte und 1956 verbotene KPD, die Deutsche Zentrumspartei, die Wirtschaftliche Aufbau-Vereinigung, die Bayernpartei, die - im alten Welfengebiet gegründete und als Koalitionspartner Adenauers in den fünfziger Jahren vorübergehend als "ein bestimmender Akteur" geschätzte - Deutsche Partei, die bald in Deutsche Rechtspartei umbenannte Deutsche Konservative Partei, die - 1952 als eine Art NSDAP-Nachfolgeorganisation verbotene - Sozialistische Reichspartei, die Deutsche Reichspartei (aus der in den sechziger Jahren die NPD hervorging) und den vor allem in Schleswig-Holstein erfolgreichen Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten. Der BHE stellte im zweiten Kabinett Adenauer zwei Bundesminister, die 1956 zur CDU übertraten.

          Schlieben hebt hervor, daß 1949 eine Partei nur in einem einzigen Land, vier Jahre später nach der Verschärfung des Wahlgesetzes allerdings im gesamten Bundesgebiet mindestens fünf Prozent der Stimmen (oder drei Direktmandate) für einen Einzug ins Bonner Parlament brauchte. Allzu autokratische und durch ihr Verhalten im "Dritten Reich" belastete Parteiführer in den kleinen und kleinsten Parteien hätten sich damals oft selbst isoliert. Daneben war für eine große Zahl der insgesamt 402 Mitglieder des Bundestages Parteidisziplin und Parteitreue noch ein Fremdwort, so daß es bis 1953 zu 108 Fraktionswechseln und auch später zu Parteispaltungen und Fusionen kam: "Ein wesentliches Erfolgsmerkmal der Adenauer-CDU war sicher, daß sie viele Strömungen zu integrieren und zu absorbieren vermochte. Das gelang dem ersten Bundeskanzler auch, indem er die Vorsitzenden der Konkurrenzparteien mit belanglosen Ministerien köderte, die zwar formell Regierungsteilhabe, faktisch aber wenige Einfluß- und Profilierungsmöglichkeiten boten."

          Von Adenauers frühen Koalitionspartnern "überlebte" nur die FDP - nicht zuletzt, weil sich Thomas Dehler jeglicher Umarmungsstrategie des ausgebufften Kanzlers vehement widersetzte. Die zwölf FDP-Chefs seit 1949 porträtiert der Göttinger Politologe Franz Walter. Schon in Zwischenüberschriften bringt er gekonnt seine Bewertungen auf den Punkt: "Kontemplativ in der Vitrine" über Theodor Heuss (bis 1949), "Vermittelnd und farblos" über Franz Blücher (bis 1954), "Feuerkopf und Wüterich" über Thomas Dehler (bis 1957), "Ruheständler im Remstal" über Reinhold Maier (bis 1960), "Ritterkreuzträger und bürgerlicher Primus" über Erich Mende (bis 1968), "Frohsinn und Härte" über Walter Scheel (bis 1974), "Beweglichkeit aus der Mitte heraus" über Hans-Dietrich Genscher (bis 1985), "Optimismus und lange Leine" über Martin Bangemann (bis 1988), "Haudegen auf Abruf" über Otto Graf Lambsdorff (bis 1993), "Überforderter Beamter" über Klaus Kinkel (bis 1995), "Höfliches Sedativ" über Wolfgang Gerhardt (bis 2001) und "Irrender Prophet" über Guido Westerwelle.

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