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: Große Taschen und reine Weste

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Jetzt widmen sich zwei Autoren der Biographie Helmut Kohls, die beste Voraussetzungen mitbringen. Der frühere WDR-Redakteur Heribert Schwan gab bereits vor 25 Jahren sein erstes Buch über Kohl heraus, drehte mehrere Filme über ihn. Auf dem 60. Geburtstag des Journalisten im Dezember 2004 war Kohl sogar ...

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          Jetzt widmen sich zwei Autoren der Biographie Helmut Kohls, die beste Voraussetzungen mitbringen. Der frühere WDR-Redakteur Heribert Schwan gab bereits vor 25 Jahren sein erstes Buch über Kohl heraus, drehte mehrere Filme über ihn. Auf dem 60. Geburtstag des Journalisten im Dezember 2004 war Kohl sogar zugegen, würdigte ihn in einer kurzen Ansprache als "deutschen Patrioten". Schwans Mitautor ist der Innsbrucker Zeithistoriker Rolf Steininger. Der publiziert seit fast 40 Jahren unermüdlich Bücher, Quellen und Aufsätze zur Geschichte der Bundesrepublik, fühlt sich in amerikanischen wie britischen Archiven zu Hause.

          In 36 Kapiteln schildern die Autoren Kohls Lebensweg und Lebensleistung - leider ohne Fußnoten, ohne Sach- und ohne Personenregister. Immerhin wird aus dem Literaturverzeichnis deutlich, auf welche publizierten Werke sie sich stützen, neben ihren Zeitzeugenbefragungen. Außerdem waren Schwan und Steininger "die Letzten, die den Altkanzler kurz vor seinem schweren Unfall 2008 über 16 Stunden lang interviewen konnten". Wörtliche Zitate aus dem Riesengespräch bringen sie nicht. Es sei auch ungewiss, ob Kohl je wieder in der Lage sein werde, "mühelos eine öffentliche Rede zu halten, flüssig ein Fernseh- oder Radiointerview zu geben". Kohl-Freunde behaupteten, dass vieles von dem, was aus dem Hause Kohl an die Öffentlichkeit dringe, "von Maike Kohl-Richter stammt, von ihr geschrieben oder zumindest redigiert wurde". Zu ihr habe sich Kohl erstmals 2005 öffentlich bekannt und sie 2008 geheiratet. Sie habe nach Ansicht von Kohls alten Weggefährten "bestimmenden Einfluss darauf, was der geneigte Leser über ihn und von ihm erfahren darf". Sie bestimme maßgeblich seine Besuchstermine. Vorgelassene Oggersheim-Pilger träfen auf "einen heftig sprachbehinderten Helmut Kohl, der aber absolut Herr seiner Sinne sei, mit wachem Verstand auf der Höhe der Zeit, sich aber dem Kommando von Maike Kohl-Richter unterordnet". Immerhin geben die Autoren zu, dass es "eine optimale Betreuung und Versorgung im Ludwigshafener Bungalow" gebe.

          Solche Bemerkungen werden Kohl stören, andere aber umso mehr erfreuen: "Schon heute neigen die schärfsten Kritiker von damals dazu, Milde walten zu lassen, nachdem sie die quellengesättigten Memoiren des Altkanzlers studiert haben." Mit den drei Bänden über den Zeitraum von 1930 bis 1994 habe Kohl seiner ersten Frau "ein kleines Denkmal" gesetzt, "das der tatsächlichen Bedeutung Hannelore Kohls für seine steile politische Karriere gerecht" werde. Jetzt bleibe ihm "die Vollendung seiner Memoiren" durch den ausstehenden vierten Band. Da wird es hilfreich sein, dass die zweite Frau Maike während des fünften Kabinetts Kohl Beamtin im Kanzleramt war.

          Schwan und Steininger widmen die Hälfte ihres Buches den Ereignissen von 1989/90, die sie äußerst spannend und quellennah vermitteln. Hierfür ziehen sie auch Dokumente aus westlichen und östlichen Archiven heran. So können sie erzählen, wie Kohls Freundschaft zu Ronald Reagan "mit Bratkartoffeln und Spiegeleiern in Bonn begann"; wie der SED-Führung zur Flüchtlingsproblematik 1989 nichts anderes einfiel, als die Botschaft der Bundesrepublik "dort einmauern zu lassen, was selbst die tschechoslowakischen Kommunisten ablehnten und ihrerseits mit dem Vorschlag beantworteten, den Zaun um die Botschaft zu erhöhen". Prag habe Ost-Berlin aufgefordert, das Flüchtlingsproblem selbst zu lösen, was der "Ausgangspunkt für das DDR-Reisegesetz" gewesen sei. Zur Wirkung der Schabowski-Pressekonferenz vom 9. November 1989 merken sie an: "Sechs Tage zuvor hatte der sowjetische Außenminister Eduard Schewardnadse im Politbüro in Moskau die bemerkenswerte Frage gestellt, ob es nicht besser wäre, ,wenn wir selbst die Mauer einreißen'."

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