https://www.faz.net/-gqz-45cv

: Größter Ruinierer aller Zeiten?

  • Aktualisiert am

Ralf Georg Reuth: Hitler. Eine politische Biographie. Piper Verlag, München 2003. 685 Seiten, 24,90 [Euro].Es ist mutig, nach den monumentalen Werken von Bullock, Fest, Kershaw noch eine Hitler-Biographie zu wagen. Wissen wir von diesem Menschen nicht schon alles, was man überhaupt wissen kann? ...

          Ralf Georg Reuth: Hitler. Eine politische Biographie. Piper Verlag, München 2003. 685 Seiten, 24,90 [Euro].

          Es ist mutig, nach den monumentalen Werken von Bullock, Fest, Kershaw noch eine Hitler-Biographie zu wagen. Wissen wir von diesem Menschen nicht schon alles, was man überhaupt wissen kann? Was ist die Räson dieses Buches? Was bringt es Neues an Quellen, an Deutungen? Was Ralf Georg Reuth von Hitlers Herkunft, seiner Sozialisation, seinen Linzer und Wiener Jahren berichtet, ist alles andere als neu, aber ein wenig neu drapiert: Nicht das Schönerersche Wien habe Hitler zum Judenhasser geformt, das besorgten erst in München die Mannen um die Thule-Gesellschaft mit dem fatalen Dietrich Eckart an der Spitze; auch Henry Ford hatte seinen Anteil. Als Beweis führt Reuth an, Hitler habe Gustav Mahler geschätzt - der war bekanntlich Jude, was ihm in Wien zum Schicksal wurde.

          Hätte Reuth das jüngste Werk von Brigitte Hamann studiert, so hätte ihm auffallen müssen, daß Hitler sehr wohl zur gleichen Zeit Antisemit und Mahler-Freund sein konnte, denn Hitler verstand vieles nicht, die Musik von Wagner bis Mahler aber durchaus. Nicht im Lohengrin wollte sich Hitler stilisieren, sondern in Rienzi, Siegfried, Parsifal. Es mag ja sein, daß die vom "jüdischen" Wien dem künftigen Tyrannen aufgedrückte Matrix nur oberflächlich war, gleichwohl hat sie den Boden bereitet. Eckart und Ford hätten nichts vermocht, wäre Hitler nicht schon längst antisemitisch infiziert gewesen - eben in Wien, eben in seinen jungen Jahren. Die wurden auch vom Ersten Weltkrieg geprägt. Der Glaube an die Unverwundbarkeit, die Vorsehung, die "Sendung" sind Derivate seiner militärischen Meldegängerexistenz. Es hätte Reuth abermals auffallen müssen, daß Hitler auch später dem Volk oder der Geschichte zu "melden" pflegte: so 1938 die "Heimkehr" seiner Heimat in das Deutsche Reich.

          Neues gibt es auch aus München nicht zu berichten - welcher Putsch in der deutschen Geschichte wäre besser dokumentiert als der vom 9./10. November 1923! Reuth schildert die dramatischen Eisner-Tage von 1919 ebenso wie die unsäglichen von Kahr, Seisser und Konsorten, 1921 bis 1923; Hitlers Entree in die feine Münchner Gesellschaft findet Erwähnung, und was die frühe Politik angeht, vermutet Reuth, Eisner habe Hitler so beeindruckt wie später Stalin - im Guten wie im Bösen. Wer nun aber hofft, der Autor würde sich auf Ernst Noltes Thesen wie auch immer einlassen, sieht sich enttäuscht, wie die wissenschaftlichen Diskurse der vergangenen zwanzig Jahre an diesem Buch merkwürdig spurlos vorbeigegangen sind. Unreflektiert wird die These von Andreas Hillgruber übernommen, nach der Hitler über ein "Programm" a priori verfügt habe, der Holocaust schon 1925 beschlossene Sache gewesen und der "neue Staat" schon 1926 konzipiert worden sei.

          Anderes erfährt der Leser nicht: Was haben in Landsberg Hitler gesagt und Heß geschrieben? Hat Hitler Weiningers "Geschlecht und Charakter" oder wenigstens dessen 13. Kapitel ("Das Judentum") wirklich gelesen? Kannte er Mackinders "Pivot of History", oder hat ihm Karl Haushofer davon via Heß berichten lassen? Das sind keine belanglosen Fragen nach der Bildung des Braunauers. Könnten sie beantwortet werden, wüßten wir über Hitlers Wissen und die daraus abgeleitete Weltanschauung tatsächlich mehr als bisher. Reuth ist nicht vorzuwerfen, daß er keine Antwort weiß, sondern daß ihm solche Fragen gar nicht gekommen sind. So bleibt der jeder Rationalität hohnsprechende Eindruck des buchstäblich "märchenhaften" Aufstiegs einer ebenfalls buchstäblich unbeschreiblichen Gestalt vom Obdachlosenasyl zur Reichskanzlei.

          Weitere Themen

          Prinz im Fatherland

          Neues zu den Hohenzollern : Prinz im Fatherland

          Die Historikerin Karina Urbach hat die amerikanischen Kontakte der einstigen Herrscherfamilie in der Zeit des Nationalsozialismus untersucht. Deutlich tritt dabei nicht nur der Antisemitismus Wilhelms II. hervor.

          Topmeldungen

          Rechtsextreme Netzwerke : Wie stoppt man den Hass?

          Rechtsextreme Netzwerke stiften im Internet immer wieder zu blutigen Taten an. In einer neuen Studie untersuchen Physiker die Dynamiken des Hasses – und entwickeln vier Strategien dagegen.
          Justin Trudeau im September in Truro

          Wahlkampf in Kanada : Der Politik-Star stellt sich den Wählern

          Ende Oktober wird in Kanada gewählt. Premierminister Justin Trudeau, der seiner liberalen Partei vor vier Jahren einen Rekordsieg einbrachte, führt einen Wahlkampf mit Startschwierigkeiten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.