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: Größter Ruinierer aller Zeiten?

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Dieser wird vom Autor in Form einer "Parteierzählung" geschildert, wenn es um den Weg der Deutschen Arbeiterpartei (DAP) und dann der NSDAP von 1919 und 1926 bis zur Eroberung der Macht geht. Ganz richtig sieht Reuth, daß das Landsberger Zwischenspiel Hitlers Ego gestärkt, nicht beschädigt hat. Am Rand der via triumphalis Hitlers zum Herrn der Reichskanzlei tauchen die üblichen Figuren auf, wenn auch blaß und gestanzt, was vor allem für Brüning, Papen und Schleicher gilt. Daß Hindenburg Monarchist geblieben war, was Hitler geschickt zu nutzen wußte, kann man schon bei Brüning nachlesen. Von den Paladinen des "Führers" gewinnt nur Goebbels ein schärferes Profil; kein Wunder, hat Reuth dem "Klumpfuß" doch vor Jahren eine bemerkenswerte Biographie gewidmet. In Goebbels spiegelten sich wie in keiner anderen Gestalt dieses Zeitalters die Zerrissenheit und das Faszinosum des Nationalsozialismus zugleich.

Tatsächlich schrammt Reuths neuestes Buch manchmal nur haarscharf an einem "Jenninger-Effekt" vorbei, so wenn von den "ungeheuerlichen Vertragsbedingungen" von Versailles, der "Umklammerung des Reiches" im Jahr 1934 (!) oder davon die Rede ist, daß die Deutschen 1936 nun nicht mehr "die Parias" der Welt seien - was alles nicht von Hitler stammt, sondern von Reuth. Der Autor wehrt sich aber redlich gegen die "Verführung" durch seinen "Helden", indem er nüchtern und präzise die verbrecherische "Gewalt" schildert, mit der Hitler die Juden verfolgen und ermorden ließ. An diesem Punkt läßt der Verfasser nicht deuteln: Hitler ist der Satan des Holocaust: von Anfang an, unbestritten, konsequent bis zum entsetzlichen Ende. Aber genau so deutlich heißt es im Zusammenhang mit dem Wahlergebnis vom 12. September 1930, das den Durchbruch der NSDAP brachte: "Wohl die wenigsten seiner Wähler verbanden daher mit dem Namen Hitler dessen Vernichtungswillen gegenüber dem Judentum." Es ist eben ein Unterschied, ob man "nur" Antisemit war oder entschlossen zum Holocaust.

Reuth betont ganz richtig, daß der Revisionismus bei Hitler von Anfang an nur vorgeschoben war, was jedermann hätte wissen können, denn Hitler hat niemals ein Hehl daraus gemacht. Es ist aber unzutreffend, daß "Mein Kampf" vor 1933 nicht rezipiert worden sei. Wenn das Ausland dennoch beharrlich an der Vorstellung festhielt, Hitler sei bloß rabiater Revisionist, so unterstreicht dies einmal mehr die politische Borniertheit einer diplomatischen Kaste, die nur in den tradierten Formen zu denken wußte - was übrigens auch für die Spitzen der Wehrmacht galt. Hitler brauchte "die alten Schuster" nicht für den Revisionskrieg, sondern den Weltanschauungs- und Vernichtungskrieg. Deswegen mußte er "seine" SA im "Röhm-Putsch" opfern. Auch die Blomberg-Fritsch-Krise wird falsch bewertet: Hier ging es um die personellen Konsequenzen aus der Besprechung in der Reichskanzlei vom 5. November 1937, die durch das sogenannte Hoßbachprotokoll berühmt wurde. Es ist ärgerlich, daß Reuth den aktuellen Forschungsstand hier ebensowenig zur Kenntnis genommen hat wie den zu Guernica: Die Bombardierung der Stadt war eben keine bewußt inszenierte "Generalprobe" für die zukünftige Bombardierung von Wohnvierteln.

Nur ein knappes Drittel des Buches bleibt für den Zweiten Weltkrieg - was vertretbar wäre, wollte man Hitler in ähnlicher Funktion sehen wie während des Ersten Weltkrieges Wilhelm II. Dann verschwände der "Größte Feldherr aller Zeiten" nach und nach in den Flammen des von ihm inszenierten Infernos. Tatsächlich war es umgekehrt: Der Zweite Weltkrieg war Hitlers Krieg; auf geradezu gespenstische Weise wurden Hitler und der Krieg eins, und nie enthüllte sich das Verbrechertum des Diktators deutlicher als hier. Allzuoft aber erliegt Reuth der bloßen Kolportage, so wenn er seitenlang über den Englandflug von Heß räsoniert, dem Luft- und Seekrieg aber nur ein paar Zeilen widmet. So geraten die Proportionen durcheinander, und deswegen bleibt das, was Reuth zu Hitlers Krieg zu sagen hat, unbefriedigend.

Die Räson des Buches? Neue Quellen, eine neue Deutung? Fehlanzeige! Dieses Stück solider historiographischer Handwerksarbeit ist nicht von jenem leidenschaftlichen Wissen-Wollen durchtränkt, das beispielsweise Joachim Fests Werk auszeichnete. Dennoch: Adolf Hitler war einer der größten "Ruinierer" und nicht ein "Großer" der Weltgeschichte. Das Unglück, das der Mann aus Braunau über die Welt brachte, aber ist so groß, daß jeder Versuch, dies zu erklären, ehrenwert ist - selbst wenn er scheitert.

MICHAEL SALEWSKI

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