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: Gräben als Gräber

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DIE "ENDLÖSUNG" hatte viele grausame Gesichter. Im Bewußtsein der Öffentlichkeit hat sich besonders der Massenmord in den Vernichtungslagern festgesetzt. Zielgerichtet und brutal gingen aber auch die Einsatzgruppen und Sonderkommandos der Sicherheitspolizei und des SD mit ihren einheimischen Helfern vor.

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          DIE "ENDLÖSUNG" hatte viele grausame Gesichter. Im Bewußtsein der Öffentlichkeit hat sich besonders der Massenmord in den Vernichtungslagern festgesetzt. Zielgerichtet und brutal gingen aber auch die Einsatzgruppen und Sonderkommandos der Sicherheitspolizei und des SD mit ihren einheimischen Helfern vor. Die jüdische Bevölkerung in den besetzten Gebieten wurde erschossen, erschlagen, in Gaswagen erstickt, zu Tode gequält oder dem Hungertod preisgegeben. Im Nürnberger Einsatzgruppenprozeß und weiteren bundesdeutschen Nachkriegsprozessen wurden diese Verbrechen aufgedeckt. In der Sowjetunion war es jedoch politisch unerwünscht, die Juden als eigenständige Opfergruppe anzusehen. Bereits geleistete Untersuchungen wurden Jahrzehnte zurückgehalten, historische Forschungen verhindert. Der Wissensstand über den Judenmord in der Ukraine ist darum heute noch gering. Als der deutsche Überfall auf die Sowjetunion begann, lebten auf dem Gebiet der heutigen Ukraine etwa 2,5 Millionen Juden - weit über die Hälfte wurden zwischen 1941 und 1944 ermordet. Der Historiker Boris Zabarko, selbst Überlebender, hat 86 "verspätete Zeugnisse" über die Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung der Ukraine zusammengetragen. Die klare, einfache Sprache, in der diese Menschen ihre Erinnerungen wiedergeben, setzt die abstrakten Opferzahlen mit dem unendlichen menschlichen Leid in Verbindung. Wie ein Mosaik setzen sich die Schilderungen unterschiedlicher Aktionen in verschiedenen Gegenden zu einem Bild zusammen: "Die Razzia begann an einem Montag, und erst am Donnerstag, das heißt nach drei Tagen ohne Wasser und Nahrung wurden die Unglücklichen in Kolonnen zum Erschießungsort geführt." - "Während einer Rast unserer Kolonne kam ein deutscher Offizier auf uns zu, der einen intelligenten Eindruck machte. Ihm waren zwei Frauen aufgefallen, Mutter und Tochter, die in sehr schöne, gut gearbeitete Decken gehüllt waren. Er meinte, daß man sie schon sehr bald töten würde und es doch schade wäre, wenn so wertvolle Dinge verlorengingen. Daher werde er ihnen die Decken abnehmen und dafür ein Mittagessen schicken, damit sie sich vor dem Tod noch einmal sattessen könnten. Er hat sein Versprechen gehalten." - "Außerhalb von Rogatschow wurden die Kinder erschossen oder lebend in Gräben geworfen. Die Erde war hinterher noch tagelang in Bewegung."

          Die Zeugen waren damals Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, ihr Überleben verdanken sie in der Regel glücklichen Umständen. Ohne Hilfe anderer wäre dies nicht möglich gewesen. Die Unterstützung kam meistens von Ukrainern, selten auch von Deutschen - letztlich blieben es Einzelfälle. Die Täter ließen die Opfer nie im Zweifel über ihre Absichten und führten ihre Verbrechen unter den Augen der übrigen ortsansässigen Bevölkerung durch, die durch die Möglichkeit, sich an den Habseligkeiten der Verfolgten zu bereichern, zu Komplizen gemacht wurden. "Lebt weiter, Juden, vergeßt mich nicht, erinnert euch, erinnert euch . . ." Dieses überlieferte Vermächtnis eines kurz darauf Ermordeten erfüllt Zabarko. Er bietet im Anhang seines Buches statistische Übersichten und schildert Motivation und Genese der eindrucksvollen Sammlung. Ein Blick ins Ortsregister zeigt jedoch, daß viele Orte mehrfach genannt sind. Eine Verknüpfung der einzelnen Schilderungen unterbleibt leider. (Boris Zabarko [Herausgeber]: "Nur wir haben überlebt". Holocaust in der Ukraine. Zeugnisse und Dokumente. Dittrich Verlag, Berlin 2004. 472 Seiten, 24,90 [Euro].)

          KLAUS A. LANKHEIT

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