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Jussi Hanhimäki: The Flawed Architect. Henry Kissinger and American Foreign Policy. Oxford University Press, Oxford 2004. 554 Seiten, 35,- $.Als er den Nobelpreis erhielt, waren viele empört. Er selbst kam nicht zur Verleihungszeremonie, da er Demonstrationen gegen sich befürchtete. Vom Harvard-Professor ...

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          Jussi Hanhimäki: The Flawed Architect. Henry Kissinger and American Foreign Policy. Oxford University Press, Oxford 2004. 554 Seiten, 35,- $.

          Als er den Nobelpreis erhielt, waren viele empört. Er selbst kam nicht zur Verleihungszeremonie, da er Demonstrationen gegen sich befürchtete. Vom Harvard-Professor brachte er es erst zum Nationalen Sicherheitsberater, dann schließlich bis zum Außenminister. Als solcher überdauerte er sogar seinen Präsidenten, denn auch als Richard Nixon wegen des Watergate-Skandals zurücktreten mußte, blieb er im Amt. Vom jüdischen Flüchtlingskind wurde er zum zweitmächtigsten Mann der Vereinigten Staaten. Henry Kissinger war und ist eine schillernde, schwer einzuordnende Persönlichkeit. Er war zweifellos ein Popstar der Politik und der Diplomatie und wurde nach seiner politischen Karriere zum reichen Mann. Er hatte die Vereinigten Staaten aus dem Debakel von Vietnam befreit und war sowohl an der Entspannung mit der Sowjetunion beteiligt als auch an der Öffnung gegenüber China. Darauf beruht seine Bedeutung in der Welt der Außenpolitik. Er zeichnete aber auch mitverantwortlich für den Staatsstreich des General Pinochet gegen Salvador Allende, bei dem der demokratisch gewählte Präsident Chiles ermordet wurde. Und er befürwortete - ehe er ihn zu beenden half - die Eskalation des Vietnam-Krieges durch amerikanische Angriffe auf Laos und Kambodscha.

          Trotz ganze Bibliotheken füllender Werke über die Regierung Nixon, über Kissinger, den Kalten Krieg und Vietnam ist das Bild von Henry Kissinger, dem "Superkraut", wie er spöttisch genannt wurde, immer noch seltsam uneindeutig. Und ganz verständlich wird er - das sei vorweggenommen - auch durch Jussi Hanhimäkis umfangreiche Studie über Kissinger und die amerikanische Außenpolitik nicht. Wahrscheinlich geht das auch nicht oder noch nicht. Hanhimäki schrieb denn auch weniger eine Biographie als eine Darstellung Kissingers im Amt. Und die Schilderung, wie Kissinger die Position des Nationalen Sicherheitsberaters systematisch zur Schaltstelle der amerikanischen Außenpolitik aufbaute und Rivalen kaltstellte, ist lesenswert. Es ist kein Wunder, daß Kissinger ein Instrument zur wahren Perfektion benutzte, das eigentlich im Verfassungsgefüge der Vereinigten Staaten gar nicht vorgesehen ist, die sogenannte "Black Channel"-Diplomatie. Am Amt des eigentlichen Außenministers vorbei, suchte Kissinger das direkte Gespräch mit ausländischen Regierungen. Weitgehend mit dem Wissen und dem Segen Nixons diskreditierte Kissinger damit nicht nur den Außenminister, sondern wob auch ein Netz amerikanischer Politik, in dessen Mittelpunkt er selbst saß.

          Von Zeit zu Zeit kam es über die gewachsene Bedeutung und vor allem das Medieninteresse zu Konflikten mit dem Präsidenten, der den Ruhm für sich beanspruchen wollte. Hier reagierte Kissinger auf für ihn typische Weise. Er versprach Nixon, seine eigene Rolle herunterzuspielen, um den Präsidenten "besser aussehen" zu lassen, nur um gleich nach dem Telefonat wieder seine Medienkontakte ganz unbekümmert zum Lobe seines eigenen Namens einzusetzen. Kissinger war - und ist es sicherlich immer noch - ein eitler Mensch. Er hielt sich den anderen politischen Weggefährten intellektuell deutlich überlegen und war es wahrscheinlich auch. Gleichzeitig wußte er seinen Gesprächspartnern, aber auch seinen Vorgesetzten zu sagen, was sie hören wollten. Hielt Richard Nixon, der vorgab, die (ver)öffentlich(t)e Meinung zu verachten, und doch die Zustimmung und Zuneigung der Medien und der Öffentlichkeit gierig suchte, eine größere Rede, war Kissinger meist der erste, der ihn anrief und zur großartigen Wirkung gratulierte.

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