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: Globales Direktorium

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Nach Kupchans Vorstellungen sollte ein "globales Direktorium" mit den Gründungsmitgliedern Vereinigte Staaten, Europa, Rußland, China und Japan angestrebt werden, um als informelles Forum der Aussprache, Koordination und konsensualen Entscheidung zu fungieren. Daß eine solche Politik der "strategischen Partnerschaft" speziell mit einem autonomen Europa notwendig und auch realisierbar sei, wird in dem Buch ausführlich dargetan. Zusätzlich zu den bereits genannten Gründen der Anpassung an die epochale Tendenz der Multipolarisierung gibt Kupchan zu bedenken, die einvernehmliche Übertragung von Verantwortung auf Europa werde dazu beitragen, "daß selbst dann, wenn Europa und Amerika Konkurrenten sind - sie niemals zu Feinden werden". Ferner könne man davon ausgehen, daß die EU "vermutlich niemals imperialen Ehrgeiz entfalten" werde und mithin die Sicherheit der Vereinigten Staaten nicht bedrohe. Und schließlich lauerten am fernen Horizont sowohl für Amerika als auch für Europa neue, strategische Herausforderungen in der asiatischen Region, aufstrebende Großmächte und Krisenherde. "Im Jahr 2025 werden sich Amerika und Europa vermutlich mehr mit dem Aufstieg Asiens als mit gegenseitigen Problemen befassen."

Kupchan räumt ein, daß im Laufe der Geschichte nur wenige Hegemonialmächte emporstrebenden Mächten freiwillig Platz gemacht und ihre Große Strategie entsprechend verändert haben. Werden die Vereinigten Staaten dazu gegenüber Europa bereit sein? Er blendet die Widerstände nicht aus. Unter anderem verweist er auf jenes transatlantische Paradoxon - er nennt es Schizophrenie -, daß die Vereinigten Staaten von den europäischen Staaten immer wieder verlangen, mehr für ihre Verteidigung zu tun, aber dann, wenn sie entsprechende Schritte (wie jetzt die Schaffung einer europäischen Eingreiftruppe) tatsächlich machen, darin eine Beeinträchtigung ihrer Führungsrolle sehen, diese Politik scharf kritisieren oder gar abbremsen. Damit werde das transatlantische Verhältnis vergiftet, statt es in eine konstruktive gleichberechtigte Partnerschaft zu transformieren.

Kooperative Balancepolitik

Das Buch ist ein eindringliches Plädoyer für eine derartige Transformation. Seine Adressaten sind primär die Bürger, insbesondere die außenpolitischen Eliten der Vereinigten Staaten. Aus europäischer Sicht mag man einwenden, daß der Wille und die Fähigkeit einer erweiterten EU, zu einem eigenständigen und einheitlichen geopolitischen Machtpol zu werden, wohl überschätzt werden; daß bestenfalls eine Kern-Gruppe mit einem französisch-deutschen Gravitationszentrum nach dem Prinzip der "verstärkten Zusammenarbeit" eine eigenständige gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik betreiben und so allmählich zu einem Balancefaktor werden könnte. Ungeachtet dieses skeptischen Einwands kann dieses bemerkenswerte Buch eines prominenten amerikanischen Wissenschaftlers mit Praxiserfahrung (nämlich als Direktor des Europa-Ressorts im Nationalen Sicherheitsrat der Vereinigten Staaten in der ersten Amtszeit Clintons) von allen denjenigen Europäern, die für eine kooperative Balancepolitik gegenüber den Vereinigten Staaten eintreten, als Bestätigung ihrer politischen Konzeption gewertet werden. Kupchan hat überzeugend gezeigt, daß eine solche Politik im wohlverstandenen Interesse der Vereinigten Staaten läge. Hoffentlich findet dieses amerikanische Plädoyer jetzt auch in Deutschland die gebührende Beachtung. Fortan dürfte es den deutschen und europäischen "Atlantikern" noch schwerer fallen, den Verfechtern einer multipolaren Welt und einer kooperativen Balancepolitik Antiamerikanismus zu unterstellen.

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