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: Gewalterfahrungen

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Das Thema Vertreibungen hat Konjunktur. Dies ist abzulesen am Erfolg der Ausstellungen "Flucht, Vertreibung, Integration" des Bonner "Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland" (2005) und "Erzwungene Wege" der Stiftung "Zentrum gegen Vertreibungen" (2006), an den hohen Einschaltquoten entsprechender ...

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          Das Thema Vertreibungen hat Konjunktur. Dies ist abzulesen am Erfolg der Ausstellungen "Flucht, Vertreibung, Integration" des Bonner "Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland" (2005) und "Erzwungene Wege" der Stiftung "Zentrum gegen Vertreibungen" (2006), an den hohen Einschaltquoten entsprechender Fernsehsendungen und an den vor allem publizistisch geführten Debatten um die 2008 gegründete Bundesstiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung". Mit dem "Lexikon der Vertreibungen", teils finanziell, teils wissenschaftlich unterstützt vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, vom Europäischen Netzwerk Erinnerung und Solidarität, vom Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas an der Universität Leipzig sowie vom Bundesbildungsministerium, liegt nun ein bislang vermisstes, wichtiges Nachschlagewerk vor. Zwar ist der Publikation - wohl auch als Konsequenz der Tatsache, dass die mehr als 100 Autoren der 308 Lemmata mehrheitlich Deutsche sind - ein Schwerpunkt auf deutschen Themen anzumerken. Doch ist der Ansatz insgesamt als im besten Sinne europäisch zu bezeichnen.

          Der Europa-Begriff wird hierbei weit ausgelegt, so wird etwa das frühere Osmanische Reich mit seinen levantinischen und kaukasischen Territorien ebenso einbezogen wie Sibirien und die innerasiatischen Republiken der früheren Sowjetunion. Die Herausgeber verweisen zu Recht darauf, dass der Zusammenbruch der mittelost-, ost- und südosteuropäischen Imperien nach dem Ersten Weltkrieg zu einem Staatsbildungsschub geführt habe, der mit dramatischen Bevölkerungsverschiebungen verbunden gewesen sei. Vertreibungen habe es zwar auch vor dem 20. Jahrhundert gegeben. Jedoch erhielten sie durch die Aufwertung der Ethnizität zum staatsbildenden Prinzip und, so wird man hinzufügen dürfen, durch die machtpolitischen Möglichkeiten des modernen Staates eine völlig neue Intensität. Der europäische Ansatz des Lexikons führt jedoch nicht dazu, dass die unterschiedlichen Gewalterfahrungen der von Vertreibungen betroffenen Menschen gleichsam eingeebnet würden im Sinne etwa eines naiven Verständnisses des bekannten Schlagworts vom "Jahrhundert der Vertreibungen". So wird beispielsweise der Begriff "Genozid" ausführlich abgehandelt und dargelegt, warum es sich bei den Vertreibungen in der Folge des Zweiten Weltkriegs nicht um Genozide handelt.

          Aufnahme in das Lexikon fanden auch die "im Kontext ethnischer Purifizierungen zu sehenden Menschheitsverbrechen des Völkermords", etwa der an den europäischen Juden oder an den Roma, deren Schicksal in eigenen Lemmata differenziert dargestellt wird. Der Ansatz der Herausgeber entspricht damit in gewisser Weise den Überlegungen des Berliner Zeithistorikers Michael Wildt, der die nationalsozialistische Vernichtungspolitik als Teil einer Gewaltgeschichte Europas im 20. Jahrhundert ansieht. Es wäre beckmesserisch, angesichts des großen Wurfs, der das Lexikon darstellt, kleinere Mängel über Gebühr hervorzuheben. So ist bedauerlich, dass "primär als Flucht einzustufende Zwangsmigrationsbewegungen" nicht aufgenommen wurden. Und man wundert sich doch, warum ein Lemma "Bund der Vertriebenen" oder "Vertriebenenverbände" fehlt. Stattdessen werden lediglich ausgewählte Landsmannschaften behandelt, die nur einen Ausschnitt aus dem Verbändewesen der deutschen Vertriebenen darstellen. Dem Lexikon sind weite Verbreitung und viele interessierte Leser zu wünschen.

          MATTHIAS STICKLER.

          Detlef Brandes/Holm Sundhaussen/Stefan Troebst (Herausgeber): Lexikon der Vertreibungen. Deportation, Zwangsaussiedlung und ethnische Säuberung im Europa des 20. Jahrhunderts. Böhlau Verlag, Wien 2010. 801 S., 99,- [Euro].

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