https://www.faz.net/-gqz-obix

: Geschönter Walter

  • Aktualisiert am

ULBRICHT. Nein, uninteressant ist die Kompilation aus Zeitzeugnissen über Walter und Lotte Ulbricht nicht, die Frank Schumann in sicherer Spekulation auf die "Ostalgie"-Welle zusammengestellt und publiziert hat. Er läßt damit seiner Edition "Lotte Ulbricht - Mein Leben" ein zweites Buch derselben ...

          ULBRICHT. Nein, uninteressant ist die Kompilation aus Zeitzeugnissen über Walter und Lotte Ulbricht nicht, die Frank Schumann in sicherer Spekulation auf die "Ostalgie"-Welle zusammengestellt und publiziert hat. Er läßt damit seiner Edition "Lotte Ulbricht - Mein Leben" ein zweites Buch derselben Machart folgen. Manches ist neu, persönliche Briefe, Fotos und Faksimiles aus dem Nachlaß von Lotte Ulbricht, gut recherchierte Details zu beider Biographien, vieles aber ist nur neu gedruckt: Interviews und Artikel von Lotte Ulbricht zum Lobe Walter Ulbrichts etwa aus diversen DDR-Journalen. Im Spiegel selektierter Texte präsentiert der Herausgeber - ein ehemaliger Chefreporter der "Jungen Welt" übrigens und im MfS als IM "Karl" erfaßt - Ulbricht als "Staatsmann von Format", als "deutschen Patrioten". Seine Revision des Ulbricht-Bildes gerät zu geschönter Verfälschung. Gewiß ist der einstige Staats- und Parteichef der DDR zu Zeiten des Kalten Krieges dämonisiert und lange Zeit unterschätzt worden, aber Schumanns Verdikt, Ulbrichts vermeintlicher Wandel vom Stalinisten zum Reformer werde von der Geschichtsforschung bewußt ignoriert, geht nach den Arbeiten von Norbert Podewin, Monika Kaiser und Mario Frank ins Leere. Aufschlußreich sind eher personelle Aspekte. Lotte Kühn (1903-2002) und Walter Ulbricht (1893-1973) lebten seit 1935 zusammen. Eine Ehe konnten sie erst 1950 eingehen, nachdem Ulbrichts erste, 1920 mit der Leipziger Näherin Martha Schmellinsky geschlossene Ehe kurz zuvor geschieden war. Die Ulbrichts - "er maß 1,66, sie 1,45 Meter" - führten eine gute, freilich kinderlose Ehe. Lotte, als gläubige Kommunistin überzeugt von der "Herausbildung der schönen sozialistischen Menschengemeinschaft" in der DDR, war ihm eine ideale Partnerin, sie bewunderte ihn, ihr imponierten seine "fundierten Kenntnisse über die Gesetzmäßigkeiten, nach denen sich die menschliche Gesellschaft entwickelt". 1946 adoptierten sie ein ukrainisches Waisenkind. Ihr Bemühen, es zu einem "sozialistischen Menschen" zu formen, scheiterte tragisch. 1991 endete Beate mit 47 Jahren als Alkoholikerin. Sie wurde in ihrer verwahrlosten Wohnung ermordet aufgefunden. (Frank Schumann : Lotte und Walter. Die Ulbrichts in Selbstzeugnissen, Briefen und Dokumenten. Verlag Das Neue Berlin, Berlin 2003. 288 Seiten, 17,50 [Euro].)

          KARL WILHELM FRICKE

          Weitere Themen

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Topmeldungen

          Thilo Sarrazin im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse.

          Kommentar zu Sarrazin : Ansichten eines Clowns

          Wie soll man es verstehen, dass die SPD wieder versucht, ihr medienwirksamstes Mitglied auszuschließen? Gefahr geht weder von ernsthafter Beschäftigung mit Migration noch von umfassender Einwanderungspolitik aus – sondern von Ignoranz und Arroganz.

          Erste Präsidiumssitzung : CDU-Führung bemüht sich weiter um Merz

          Bei der ersten CDU-Präsidiumssitzung nach der Wahl von Annegret Kramp-Karrenbauers geht es auch um den Unterlegenen: Friedrich Merz solle „sichtbar“ bleiben in der Partei, wird sich gewünscht. Und die neue Parteichefin macht eine Ankündigung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.