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: Geschnippeltes

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Die Wiedervereinigung soll konspirativ, von langer Hand geheimdienstlich vorbereitet worden sein. Mauerfall und Zusammenbruch der DDR kamen 1989 für die Hauptakteure keineswegs überraschend. Was die Menschheit nicht ahnte: Alles war eine Verschwörung. Hinter den Kulissen lief das Geheimdienstprojekt "Gawrilow" ab, ein "Polit-Krimi ersten Ranges".

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          Die Wiedervereinigung soll konspirativ, von langer Hand geheimdienstlich vorbereitet worden sein. Mauerfall und Zusammenbruch der DDR kamen 1989 für die Hauptakteure keineswegs überraschend. Was die Menschheit nicht ahnte: Alles war eine Verschwörung. Hinter den Kulissen lief das Geheimdienstprojekt "Gawrilow" ab, ein "Polit-Krimi ersten Ranges". CIA und KGB kooperierten seit Anfang der achtziger Jahre, stellten Weichen für das Ende des Kalten Krieges und die Wiedervereinigung Deutschlands. So wurde der friedliche Zusammenbruch des Sowjetimperiums möglich. Helmut Kohl, der "Kanzler der Einheit", ist damit demontiert, seine historische Leistung Legende. Solche Thesen bezwecken lediglich, Aufsehen zu erregen, nichts anderes.

          Dieses Buch ist ein Sammelsurium, "geschnippelt" und zusammengeklebt aus größtenteils schon lange bekannten Fakten, Interviews mit wichtigen und als solche bezeichneten Zeitzeugen, angereichert durch Informationen aus nicht nachprüfbaren Quellen. Weil alles so schrecklich geheim ist, bleibt der Autor für viele Behauptungen Belege schuldig, aus Quellenschutz versteht sich. Wo schlüssiges Beweismaterial fehlt, wird kurzerhand spekuliert. Die undifferenzierte Wiedergabe von Quellen und Auskünften erweckt erhebliche Zweifel an der Zuverlässigkeit der Schlußfolgerungen. Letztlich will er nur eines: partout beweisen, daß die Wiedervereinigung ein exakt vorgeplantes "Wendemanöver" war. Dabei sind viele vermeintlich geheime Vorgänge keine Neuigkeiten.

          Amerikaner und Sowjets unterhielten stets auf diversen Kanälen (back-channels) Kontakte und betrieben diskretes Konfliktmanagement. Daß sich CIA und KGB gemeinsam Gedanken um die Zukunft des Kalten Krieges machten, wundert nicht. Interessant wäre jedoch zu wissen, welchen tatsächlichen Einfluß sie auf Politik und Wirtschaft nehmen konnten. Darüber schweigt der Autor wie über die Anfänge der auf deutsch-deutscher Ebene vertraulich geführten finanz- und handelspolitischen Verhandlungen, die nicht erst unter der Regierung Kohl begannen. Sie gehörten seit je zum deutschlandpolitischen Tagesgeschäft. Heute bestreitet niemand mehr die zeitweise systemstabilisierende Wirkung, die der 1983 von Franz Josef Strauß eingefädelte Milliardenkredit für das Honecker-Regime hatte. Dem damaligen Kanzler war dies übrigens nach eigenem Bekunden bewußt. Selbst wenn er vor dem Honecker-Besuch 1987 in Bonn Überlegungen in der DDR-Führung zugestimmt hat, angesichts der notorischen Außenhandelsdefizite und des hohen Kreditbedarfs die Grenze als Gegenleistung für die Anerkennung der Zweistaatlichkeit und das Auffangen finanzieller Schwierigkeiten durch die Bundesrepublik zu öffnen, hätte Kohl damit gewiß nicht, wie Kroh behauptet, die Einheit für die Maueröffnung preisgegeben. Die DDR wäre dann zwei Jahre früher zusammengebrochen. Vermutlich war sich Honecker darüber im klaren und hat deshalb die eigenen Leute gestoppt.

          Viele berechtigte Fragen bleiben dennoch klärungsbedürftig. In welchem Umfang waren bundesdeutsche Politiker über die eklatante Wirtschaftskrise der DDR unterrichtet? Aufgrund des innerdeutschen Überziehungskredits (Swing) war in Bonn der hohe Finanzbedarf bekannt. Doch warum hatte die Crème de la Crème bundesdeutscher Politiker, die sich 1988 und Anfang 1989 in Ost-Berlin die Türklinke in die Hand gaben, offenbar kein Interesse, die DDR zu destabilisieren? Nur weil die Folgen unkalkulierbar waren? Da dachte die Regierung Bush anders. Die Amerikaner verloren nie ihr eigentliches Ziel im Kalten Krieg aus den Augen: den Sturz der kommunistischen Regime.

          Washington unterstützte die im Frühjahr 1989 einsetzende Demokratieentwicklung in Polen und die Grenzöffnung in Ungarn. Kein Zufall. Denn die Flüchtlingsbewegungen, die Botschaftsbesetzungen in Budapest, Prag und Warschau waren natürlich von den Geheimdiensten initiiert, um die Wende einzuleiten. In dieser Logik ist Schabowskis versehentliche Inkraftsetzung der neuen Reiseregelung am 9. November 1989 einfach "nicht vorstellbar". Bei dieser Existenzfrage der DDR kann menschliches und bürokratisches Versagen nicht geschichtsrelevant gewesen sein. Statt dessen wird heftig über die Morde an dem Bankier Herrhausen und den Treuhandchef Rohwedder gerätselt, die den geheimdienstlich gesteuerten Milliardencoup in der letzten Wendephase angeblich störten. Wer die eigentlichen Profiteure waren, bleibt indes unklar. Da Stasi und Rote Armee Fraktion bis 1985 kooperierten, liegt die Instrumentalisierung der dritten RAF-Generation 1989 ebenso nahe wie die Involvierung der CIA; ganz abgesehen von Verbindungen des MfS zu arabischen Untergrund- und Terrororganisationen islamischer Herkunft. Bei der Suche des BND nach verlorenem SED-Vermögen kommt zuletzt noch der Yukos-Ölkonzern ins Spiel. Außer apokryphen Verschwörungstheorien hat der Band kaum Seriöses zu bieten.

          HANNS JÜRGEN KÜSTERS

          Ferdinand Kroh: Wendemanöver. Die geheimen Wege zur Wiedervereinigung. Carl Hanser Verlag, München 2005. 343 S., 19,90 [Euro].

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