https://www.faz.net/-gqz-s0uu

: Geschickt verhüllte Motive

  • Aktualisiert am

Im fünften Jahr der nationalsozialistischen Diktatur schienen die Prozesse der Sicherung und Behauptung der Macht weitgehend abgeschlossen zu sein. Die sich anschließende Konsolidierungsphase war primär durch die Anstrengungen der Innen- und Außenpolitik bestimmt, die "Volksgemeinschaft", Wirtschaft ...

          4 Min.

          Im fünften Jahr der nationalsozialistischen Diktatur schienen die Prozesse der Sicherung und Behauptung der Macht weitgehend abgeschlossen zu sein. Die sich anschließende Konsolidierungsphase war primär durch die Anstrengungen der Innen- und Außenpolitik bestimmt, die "Volksgemeinschaft", Wirtschaft und Finanzen, das Militär und insbesondere die Rüstungsindustrie auf die Erfordernisse eines Krieges in Europa vorzubereiten. Die deutschsprachige Publizistik im Exil verstärkte deshalb in jener Zeit ihre Bemühungen, das Ausland über die realen Entwicklungen im Deutschen Reich, die propagandistischen Taktiken und die kriegerischen Ziele des Regimes aufzuklären. Jedoch erweckten weder diese Berichte und Kommentare noch die gut dokumentierten und von Fachkundigen verfaßten denkschriftartigen Studien in den Nachbarstaaten die Einsicht in eine wachsende Kriegsgefahr. Wie konkret sie bestand, zeigt auch die Einleitung zu der umfangreichen Aktenpublikation über das Jahr 1937. Sie setzt mit dem Hinweis auf Hitlers Kriegspläne ein, die der "Führer" in der berühmt gewordenen Geheimsitzung vom 5. November 1937 einem kleinen Kreis von Ministern und Militärs offenbart hatte. In dieser Sitzung hat der Diktator, wie die Öffentlichkeit im Nürnberger Prozeß aus der damals erst vorgelegten Niederschrift des Adjutanten, Oberst Friedrich Hoßbach, erfuhr, die "Lösung der deutschen Frage" in einem "blitzartigen" Krieg in Europa gesehen, für den er Österreich und die Tschechoslowakei als erste Angriffsziele bestimmte.

          Da Hitler nicht einmal die Kabinettsminister hinzugezogen und ihnen auch anschließend keine Information hatte zukommen lassen, konnte das brisante Schriftstück in der vorliegenden Dokumentation nicht berücksichtigt werden. Darin spiegeln sich die konzeptionelle Begrenzung beziehungsweise die relativ enge sachthematische Akzentuierung dieser Aktenpublikation. Denn die Kabinettsprotokolle und die mit ihnen in enger Verbindung stehenden Dokumente vermögen zwar zahlreiche Aufschlüsse über die Vielgestaltigkeit und Intensität der offiziell als friedliebend dargestellten Planungen zur "Reichsverteidigung" zu bieten, doch offenbaren sie so gut wie nichts über die wahren Inhalte und Zielrichtungen, die geschickt verhüllten Motive und die unverhohlene Aggressivität der Hitlerschen Außen- und Kriegspolitik. Dennoch gelingt es dem Bearbeiter in vier einführenden Abschnitten zur Außen- und Kriegspolitik, zur Innen- und Rechtspolitik, zu Wirtschaft und Finanzen sowie zur Arbeits- und Sozialpolitik nicht nur eine knappe Übersicht über die 208 gedruckten Dokumente zu geben, sondern sie auch in die jeweils aufschlußreichen Zusammenhänge zuverlässig einzuordnen. An seinen Ausführungen ist sachlich kaum etwas zu bemängeln. Allerdings sind sie an Sprödigkeit und Trockenheit kaum zu überbieten, wenn über tarifpolitische Angelegenheiten wie "Heuererhöhung" oder "Kleinrentnerhilfe" in gleichem Stil referiert wird wie über Kriegsvorbereitungen und Rassenpolitik.

          Weitere Themen

          Fiebernde Einlässe

          Museen in Italien : Fiebernde Einlässe

          Neben Bars und Restaurants, Friseuren und Nagelstudios, Bibliotheken und Strandbädern dürfen in Italien nun auch die Museen öffnen. Wird sich in der Ausstellungspolitik künftig etwas ändern?

          Topmeldungen

          Proteste gegen das in Peking geplante „Sicherheitsgesetz“ für Hongkong: Eine Demonstrantin gestikuliert gegenüber Polizeikräften im Hongkonger Geschäftsviertel von Causeway Bay.

          China gegen Hongkong : Ein Land, ein System

          China versucht mit aller Macht, was bislang stets misslungen ist: Hongkong dauerhaft ruhigzustellen. Peking fordert damit auch Washington heraus.
          Entscheiden ist die Einsicht, welche Verträge notwendig oder überflüssig sind: Hier heißt das Gebot der Stunde nicht Altersvorsorge, sondern Risikoabsicherung und Eigenheimfinanzierung.

          Die verlorenen Jahre : Was Gutverdiener finanziell oft falsch machen

          Bei Abschlüssen von Geldanlagen, Krediten und Versicherungen hapert es oft an der Einsicht, welche Verträge notwendig oder überflüssig sind: Gedanken an die Altersvorsorge taugen nicht, wenn das finanzielle Gerüst im Hier und Jetzt nicht passt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.