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: Gescheiterte Staatsgründung

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Caroline Milow: Die ukrainische Frage 1917-1923 im Spannungsfeld der europäischen Diplomatie. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2002, 570 Seiten, 92,- [Euro].Im Frühjahr 1917 - mitten im Weltkrieg - stürzten Hungerunruhen, Demonstrationen und Streiks in Petrograd die zaristische Autokratie. Doch ...

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          Caroline Milow: Die ukrainische Frage 1917-1923 im Spannungsfeld der europäischen Diplomatie. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2002, 570 Seiten, 92,- [Euro].

          Im Frühjahr 1917 - mitten im Weltkrieg - stürzten Hungerunruhen, Demonstrationen und Streiks in Petrograd die zaristische Autokratie. Doch auch die bürgerliche provisorische Regierung, die ihr folgte, bekam die Probleme nicht in den Griff. Noch bevor eine verfassunggebende Versammlung gewählt werden konnte, putschten im Herbst die Anhänger Lenins, die Bolschewiki, und riefen die sozialistische Räterepublik aus. Sie beschleunigten damit, wider ihre Erwartung, die Sezessionsbewegungen der Randvölker, die sich von Räte-Rußland lossagten, um ihre eigenen Nationalstaaten zu gründen. Neben Finnland, Polen, Estland, Lettland, Litauen, Georgien, Armenien und Aserbaidschan gehörte dazu auch die Ukraine. Ihre im März gebildete Zentralrada rief im November 1917 die Ukrainische Volksrepublik aus und vollzog im Januar 1918 die Trennung von Rußland.

          So saß die Ukraine bereits mit am Tisch, als im Winter 1917/18 die Mittelmächte mit Räte-Rußland in Brest-Litowsk über einen Separatfrieden verhandelten. Das Odium, nur eine Schöpfung der Mittelmächte, vornehmlich der Deutschen, zu sein, wurde die Ukraine seither nicht mehr los. Das machte sich vor allem nach dem Zusammenbruch der Mittelmächte bemerkbar, als die Alliierten eine neue Ordnung in Europa zu schaffen versprachen - mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker als Grundlage. Die ukrainischen nationalstaatlichen Ansprüche fanden dabei kaum Gehör. Frankreich unterstützte im Konfliktfall konkurrierende polnische Interessen. Großbritannien interessierte sich vor allem für die baltischen Staaten und das Transkaukasus-Gebiet; London sah die Ukraine, wie Außenminister Lord Curzon im Sommer 1919 festhielt, "schon immer" als integralen Bestandteil Rußlands und damit wenig Anlaß, "den Separatismus eines Teils der öffentlichen Meinung der Ukraine" zu unterstützen. Sowohl für die britische als auch für die französische Regierung war die ukrainische Frage eher ein Nebenkriegsschauplatz, der vom Hauptkonflikt zwischen dem "roten", bolschewistischen Moskau und den "weißen" russischen Freiwilligenverbänden im Süden und Osten nicht ablenken durfte. Wer wollte leugnen, daß bei der Gewährung des Selbstbestimmungsrechtes stets machtpolitische Überlegungen mitschwangen.

          Doch das war es nicht allein, was den Ukrainern die Durchsetzung erschwerte und sie letztlich scheitern ließ. Anders als bei Finnen, Polen, Tschechen oder den baltischen Völkern kam ihre Forderung nach einem eigenen Nationalstaat für die Völkergemeinschaft eher überraschend, blieben die entsprechenden Signale diffus und waren überlagert von anderen Problemen. Selbst die Eigenbezeichnung war neu. Was nun "Ukrainer" sein sollte, wurde bisher in Rußland "Kleinrusse", im österreichischen Galizien oder in der Bukowina "Ruthene", in der Karpatho-Ukraine (die zur ungarischen Reichshälfte gehörte) auch "Rusine" oder "Hutsule" genannt. Sie schickten mitunter ihre eigenen Vertreter zu den Großmächten, nicht selten mit unterschiedlichen Zielen und Konzeptionen; Ansätze zur Kooperation waren in der Regel nicht von Dauer. Selbst das größte Teilgebiet, die (ehemals zu Rußland gehörende) Dnjepr-Ukraine, war weit davon entfernt, mit einer Stimme zu sprechen. In Kiew wechselte 1917/18/19 mehrfach die Regierung - und mit ihr die Vertretung bei den Großmächten, was nicht immer hieß, daß die Vorgänger das Feld räumten.

          Das fiel um so mehr ins Gewicht, als der Regierungswechsel von der Zentralrada und ihrem Generalsekretariat über das Hetmanat zum Direktorium der Ukrainischen Volksrepublik jeweils einen scharfen Kurswechsel mit sich brachte und vor Augen führte, wie heftig umkämpft die Entwicklung im Inneren war. Dabei ging es - zwischen den sozialen Gruppen und politischen Parteiungen - auch, aber keineswegs nur um die nationalstaatliche Einigung. Zugleich zeigte sich, wie dünn die Schicht ukrainischer Intelligenz war, die sie aktiv trug. Die Russen und Juden, die in den größeren Städten und Industriezentren die Mehrheit bildeten, blieben ihr gegenüber skeptisch, und die ukrainischen Bauern setzten die Prioritäten wiederum anders; ihnen ging es um das Land der Gutsbesitzer, die Durchführung und Legalisierung der Agrarrevolution.

          Das alles warf für die Errichtung eines ukrainischen Nationalstaates erhebliche Probleme auf. Diese führt die umfangreiche Studie von Caroline Milow eindringlich vor Augen. In drei Teilen beschreibt sie die innenpolitische Entwicklung der Dnjepr-Ukraine, die ukrainische Frage in der internationalen Diplomatie sowie die Frage Ostgaliziens und das ukrainisch-polnische Verhältnis in der europäischen Politik. Die Ausrufung eines eigenen Staates (1917/18), dessen Ende nach dem Sieg der Bolschewiki, der Gründung der Sowjetukraine und deren Beitritt zur Sowjetunion sowie die Anerkennung der polnischen Herrschaft über Ostgalizien durch die alliierten Mächte (1922/23) bilden die Eckdaten der Darstellung. Ein Anhang liefert zusätzlich Kurzbiographien der handelnden Personen und Karten; es wäre sinnvoll gewesen, zur Grundorientierung auch Angaben über die soziale und ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung aufzunehmen.

          Die beeindruckende Fülle des ausgebreiteten Materials bringt es mit sich, daß die großen Linien der inneren wie der äußeren Entwicklung streckenweise etwas verschwimmen und die Leitfragen mitunter aus dem Blick geraten: die Frage, was der Ukraine 1917/18 fehlte, um zu sein, was sie sein wollte, eine Nation - und die Frage, warum es ihr nicht gelang, für ihren Anspruch auf einen Nationalstaat die Unterstützung der Alliierten zu gewinnen. Um dieses doppelte Spannungsverhältnis auszuleuchten, liefert die Studie interessante Einblicke.

          HELMUT ALTRICHTER

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