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: Gemeinsames Feindbild

  • Aktualisiert am

Der Titel täuscht: Dieses Buch beschäftigt sich nur wenig mit dem Verhältnis von RAF und MfS. Es ist auch nur zum geringeren Teil ein Werk von Robert Allertz, den man wohl eher als Herausgeber bezeichnen muss. Autoren sind in erster Linie der kürzlich verstorbene Gerhard Neiber, ehemals Stellvertretender ...

          Der Titel täuscht: Dieses Buch beschäftigt sich nur wenig mit dem Verhältnis von RAF und MfS. Es ist auch nur zum geringeren Teil ein Werk von Robert Allertz, den man wohl eher als Herausgeber bezeichnen muss. Autoren sind in erster Linie der kürzlich verstorbene Gerhard Neiber, ehemals Stellvertretender Minister im DDR-Ministerium für Staatssicherheit (MfS), sowie sein früherer Mitarbeiter Gerhard Plomann, einstmals Oberstleutnant im selben Haus. Sie äußern sich in einem gemeinsamen Aufsatz und in zwei Einzelinterviews auf rund zwei Dritteln der insgesamt 224 Seiten, wobei es an Wiederholungen nicht fehlt. Was MfS und "Rote Armee Fraktion" (RAF) anbelangt, so ist das Ergebnis der Autoren eindeutig: SED und MfS waren immer gegen Terrorismus jeder Art. Sie hatten aber gelegentlich Verständnis für die Motive der Terroristen, weil deren Taten durch die gesellschaftlichen Bedingungen hervorgerufen waren. Das galt jedenfalls für die Verhältnisse im Kapitalismus. Im real existierenden Sozialismus war das selbstverständlich anders. Da hatte man überhaupt kein Verständnis, wenn jemand zum Beispiel einen gewaltsamen Grenzdurchbruch versuchte, was ebenfalls als Terrorismus galt.

          Die DDR hat in den achtziger Jahren zehn Aussteiger der RAF aufgenommen. Sie wurden dadurch an weiteren Terrortaten gehindert. Das lag im Interesse der DDR, vor allem aber in dem der Bundesrepublik, die ja das Hauptangriffsziel der Terroristen war. Maßgebliche Bonner Institutionen und Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) selbst seien im Übrigen informiert gewesen und hätten keine ernsthaften Versuche unternommen, der ruhiggestellten Täter habhaft zu werden. Letzteres kann man glauben oder auch nicht. Überzeugende Beweise dafür bringt das Buch jedenfalls nicht. Allerdings ist unstrittig, dass 1986 eine Besucherin aus der DDR auf einem Fahndungsplakat die Terroristin Silke Maier-Witt als Arbeitskollegin in Erfurt identifizierte. Seitdem hatte die Vermutung, untergetauchte RAF-Mitglieder könnten sich in der DDR aufhalten, durchaus einen handfesten Grund. Das MfS ließ daher Maier-Witt aus ihrem bisherigen Umfeld "spurlos" verschwinden. Die übrigen Informationen zum Verhältnis MfS und RAF sind ähnlich dürftig: 1970 sei Jürgen Bäcker auf der Durchreise durch die DDR mit einem falschen Pass und einer Pistole festgenommen und ausführlich vernommen worden. Kurz darauf sei Ulrike Meinhof unangemeldet beim Zentralrat der FDJ aufgetaucht und habe über Zusammenarbeit sprechen wollen. Danach habe man ein Einreiseverbot über sie verhängt. Inge Viett, die zu den Aussteigern gehörte, habe erst 1978 "richtigen Kontakt" mit dem Stasi-Oberst Dahl gehabt. Neu ist das nicht, aufregend erst recht nicht. Ausführlich werden organisatorische Maßnahmen im MfS zur Terrorabwehr dargestellt.

          Die eigentliche "Botschaft", die dieses Buch transportieren will, ist eine andere. Es gilt zu "beweisen", dass die DDR und damit das MfS im Kalten Krieg die Angegriffene war und stets in Notwehr oder wenigstens in Nothilfe für Ausgebeutete und Unterdrückte in der übrigen Welt handelte. Höchst gefährlich waren die gegnerischen Geheimdienste, an der Spitze CIA und BND sowie ihre Hilfsorganisationen, die vor keiner Schandtat zurückschreckten und sich insofern bis heute nicht geändert haben. Ein erheblicher Teil des Buches widmet sich längst bekannten Ereignissen nach 1989, die beweisen sollen, dass die Deutschen in der DDR geheimdienstlich durch die Wiedervereinigung nur aus dem Regen der DDR in die Traufe des Imperialismus gekommen seien. Und dass die bundesdeutsche Justiz sich erdreistete, einige MfS-Offiziere wegen "Strafvereitelung" bei der Unterbringung der RAF-Aussteiger in der DDR anzuklagen, empört diese noch heute, auch wenn ihnen der Bundesgerichtshof letztlich bescheinigt hat, sie hätten sich in dieser Angelegenheit nicht strafbar gemacht. Das genügt ihnen nicht.

          Robert Allertz, Jahrgang 1951, wird in dem Buch als Berliner Publizist vorgestellt, der "sich mit dem Thema Geheimdienste seit Jahrzehnten beschäftigt" habe. Er steht dem "Insiderkomitee zur Förderung der kritischen Aneignung der Geschichte des MfS" nahe. Das von ihm herausgegebene Werk gehört in die Reihe der inzwischen zahlreichen Publikationen, die die tschekistische Arbeit verklären und das MfS moralisch deutlich höher als die westlichen Geheimdienste ansiedeln wollen. Damit soll offenbar der Boden für einen weiteren Versuch bereitet werden, den nun schon so lange entbehrten Sozialismus erneut zu etablieren.

          DETLEF KÜHN

          Robert Allertz: Die RAF und das MfS. Fakten und Fiktionen. Verlag Edition Ost, Berlin 2008. 224 S., 14,90 [Euro].

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